Paradox

28 06 2009

Iran wohl das poetischste Volk auf Erden (vgl. vorgehernder Blogartikel).

Spannend in diesem Zusammenhang ist die Diskrepanz zwischen dem offiziellen, sagen wir eher restriktiven Standpunkt bezüglich Weingenuss und allen emotionalen Formen zwischenmenschlicher Beziehungen, und der Welt, die uns zum Beispiel in Hafes’ Diwan begegnet. Frönet dem Wein und der Liebe (auch gleichgeschlechtliche), geniesst das Leben und die Feste. Die allermeisten Gedichte drehen sich um diese Themen und es ist mir bis heute ein Rätsel wie die grösstenteils strenggläubigen Iraner diese expliziten Äusserungen und Ermunterungen verehren können, ohne eine handfeste Glaubenskrise zu riskieren.

Nachfolgend ein kurzer Abschnitt aus dem Diwan, den ich gekonnt nach iranischer Sitte per Zufallsgriff ausgewählt habe:

Gesegnet sei o Schenke,

des Festes Ankunft dir,

Und was du hast versprochen,

gedenke dessen mir.


Bring an das Kind der Rebe

den Gruss: kommt aus der Haft!

Erlöst nun hat dich unsrer

Gebete Zauberkraft

Angesichts der auffälligen Neigung des Regimes alle Arten von Cafés per Dekret oder Drangsalierung zu schliessen und die absolute Ächtung von Alkohol würde Hafes heute wohl eher ins Gefängnis gesteckt, denn als grosser Dichter verehrt werden.



Oh Hafez

27 06 2009

In der guten, alten Stube im Emmentaler Bauernhof lag wohl zu Gotthelfs Zeiten die Bibel auf dem Nachttischchen. Im Iran ist es der Koran, gestern wie heute. Aber nicht nur: Ein Gedichtband des wohl grössten persischen Dichters liegt fein säuberlich daneben. Jederzeit griffbereit. Dichter haben im Iran einen ganz besonderen Stellenwert. So kann jeder junge Bursche, jede alte Greisin eine Ghasele aus Hafez’ Diwan oder Sadi’s Golestan zitieren. Dies ist nicht bloss ein Klischee, wir selbst kamen in den Genuss Hafez’ rythmische Verse auf der Si-o-se Brücke Esfahans aus dem Mund einer befreundeten, modernen Dichterin zu hören. Hafez’ Grab in Shiraz kommt einem Wallfahrtsort gleich, wo Menschen aus dem ganzen Land ehrfürchtig das Grab des Dichters berühren während sie seine Verse vor sich hin murmeln. In Tabriz ist den Lyrikern Persiens gar ein ganzer Friedhof gewidmet.

Der im 14. Jh. lebende Sufi Hafez liebte die Liebe, das Leben, den Wein und die Frauen. Kein Wunder wird er auch heute noch von vielen Iranerinnen und Iranern in allen Lebenslagen konsultiert. Die Augen werden geschlossen, der grosse Dichter angerufen. Anschliessend klappt man den Diwan an irgendeiner Stelle auf und interpretiert die vorgefundene Ghasele im Angesicht der persönlichen Lebenslage. Teilweise sind es auch Kanarienvögel, welche die weissagende Ghasele aus einer kleinen Box picken, während Kinderaugen strahlend die dafür bezahlten divis (zweihundert) toman (20 Rappen) einstecken.

Hafez’ Grab in Shiraz

Hafez' Grab

Kuppel von Hafez' Grab

Menschen berühren das Grab Hafez'

Mag sein, dass in manchen Haushalten in der Schweiz auch heute noch eine Bibel auf dem Nachtttischchen liegt. Wie wär’s mit Goethe daneben? Oder doch lieber Ringelnatz? Mein persönlicher Favorit:

Dunkel war’s, der Mond schien helle

schneebedeckt die grüne Flur

als ein Wagen blitzeschnelle

langsam um die runde Ecke fuhr


Drinnen sass ein stehend Männchen

stumm in ein Gespräch vertieft

als draussen auf der Sandbank

ein toter Hase Schlittschuh lief

Christian Morgenstern

Wie dieses Gedicht im Lichte der gegenwärtigen Entwicklungen im Iran interpretiert werden kann? Nun, die Welt scheint voller Gegensätze: Wirft man Mussevi in die Wahlurne, spuckt sie plötzlich Ahmadinejad aus.

Übrigens, das mit Goethe auf dem Nachttisch ist ernst gemeint. “Und mag die ganze Welt versinken, Hafez, mit dir, mit dir allein will ich wetteifern! Lust und Pein sei uns, den Zwillingen, gemein! Wie du zu lieben und zu trinken, das soll mein Stolz, mein Leben sein”. So hat Goethe seinen um vierhundert Jahre ‘älteren poetischen Zwilling’ bewundert - Goethe als Alternative zum Horoskop in der Zeitung?