19
07
2009

Tock, tock, tock, tock. Der Blick bleibt an den Pfennigabsätzen hängen, die dieses Geräusch auf den Pflastersteinen der Belgrader Altstadt verursachen. Er wandert höher den bleistiftschmalen, zehn Zentimeter Absatz hinauf, den langen Beinen entlang, zum kurzen Rock, es folgen ein enges Top, das tief blicken lässt, ein verführerisch geschminkter Mund, Filmstaraugenwimpern und schliesslich eine trendy Frisur. Das neureiche Wesen schwebt, ein Gucci-Täschchen in der einen, das teuere Handy in der anderen Hand in die nächste Modeboutique und trinkt anschliessend mit seinen Artgenossinnen einen Café-latte für 340 Dinar (5.50 CHF) in einem der unzähligen Strassencafés.
Es wird einem sogar ausgepackt, das eben gekaufte Erdbeercornet. Von einer Mittsechzigern mit schütterem, an den Ansätzen ergrautem Haar, die hinter einem der vielen etwas zu dunkeltürkis geratenen Nestléständen ihre magere Rente aufbessert. Doch häufig sitzen die älteren Damen und Herren bloss da und warten auf Kundschaft. Die schicken Belgrader und Belgraderinnen leisten sich währenddessen ein echtes Kugeleis vom Mövenpickstand gleich nebenan, zumindest diejenigen, die auf der Geldseite des Lebens stehen.
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Categories : Europa, Reise, Serbien
14
07
2009
… haben wir in Bulgarien gesehen. Während 400km (entspricht in etwa der direkten Transitstrecke von Serbien in die Türkei) kreuzen wir eine fast lückenlose Karawane von Ferienreisenden, die ihrem Traumstrand oder ihrer Heimatstadt - die Mehrzahl sind wahrscheinlich Auslandtürken - entgegenbrausen.
Nun, wer’s in der Ferne zu etwas gebracht hat, will das zu Hause verständlicherweise auch zeigen und was eignet sich da wohl am Besten? In diesem Fall hat das Beste offensichtlich gleich zwei Namen und die heissen, richtig: Mercedes und BMW. Auch die einheimischen Bulgaren - zumindest diejenigen auf der Gewinnerseite der korrupten Wirtschaft - tragen das ihre zu diesem Eindruck bei. Zusammenfassend, kann man sagen: ob Zürich oder Zug, wir haben noch nie eine solche Konzentration von Luxuswagen gesehen, von Wirtschaftskrise und hohen Benzinpreisen keine Spur.
Diese Wagen sind natürlich für deutsche Autobahngeschwindikgeiten ausgelegt und fühlen sich in Bulgarien eher unterfordert. Radarbewaffnete Polizisten stehen alle paar Kilometer am Strassenrand und lauern auf naive, Eurobestückte Touristen, die fälschlicherweise meinen, die 40er Tafel auf der Schnellstrasse ignorieren zu können. Die Disziplin der Verkehrsteilnehmer ist tatsächlich beeindruckend - vor allem, wenn man sich türkische oder iranische Verhältnisse gewöhnt ist. Man sieht nicht alle Tage eine lange Kolonne von PS-strotzenden Limousinen auf freier Strasse mit 40km/h dahinschleichen.
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Categories : Bulgarien, Reise
13
07
2009
schreit es von allen Seiten. Im Wasser planschende Kinder, im Sand buddelnde Kinder, alle wollen die Aufmerksamkeit von Anne. Nirgends wird nach Nur, Gülgen oder Ajda gerufen. Anne, der wohl häufigste Frauenname der Türkei? Dass sämtliche Mütter, Freundinnen, Schwestern oder Tanten Anne heissen, scheint mir doch eher unwahrscheinlich. Anne bedeutet auf Türkisch schlicht Mama. Tja, so simple ist’s.
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Categories : Naher Osten, Reise, Türkei
12
07
2009
Weil wir, den an der südlichen Schwesterküste einfallenden Touristenhorden ausweichen, schnell nach Istanbul kommen und neue Wege gehen wollen, fahren wir dieses Mal dem Schwarzen Meer - dem kara deniz - entlang.
Was wie ein Müssen, wie eine erzwungene Wahl tönt, erweist sich als Glückstreffer. Das Meer macht seinem Namen keine Ehre und präsentiert sich uns in schönen Blautönen. Und nicht nur das. Während tausender Kurven, vollständige Absenz von flachen und geraden Strassenabschnitten, entdecken wir eine unerschlossene, wunderbar wilde und gebirgige Küste mit unzähligen - leider auch für uns - unzugänglichen, versteckten Buchten. Wir konnten an einigen schönen Stränden übernachten und haben die Zeit des Auspannens nach der langen Reise sehr genossen.
Alles wunderbar? Nun, der industrielle und über grosse Strecken abstossend zersiedelte und verbaute Abschnitt von Trabzon bis Samsun soll nicht verschwiegen werden, aber der erste Eindruck haftet wie man sagt am Besten und soll auch der Leserschaft in Erinnerung bleiben. Wir können die Küste auf jeden Fall empfehlen.
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Categories : Naher Osten, Reise, Türkei
4
07
2009

Eingereist bin ich schwarz verhüllt mit strengem Kopftuch und geschlossenen Schuhen. Ausreisen tue ich mit lockerem, bis auf die Oberschenkel reichenden Shirt, offenen Sandalen und einem Kopftuch, das bloss meinen Pferdeschwanz bedeckt. Zu meiner Freude und grossen Erleichterung habe ich festgestellt, dass im Iran trotz Verhüllungsgebot (es ist im Iran gesetzlich festgeschrieben und wird nicht bloss aus dem Koran abgeleitet) vieles möglich ist: So ziert das Kopftuch in Teheran bloss noch die Hinterköpfe gestylter, junger Frauen in engen Manteaux während sich in ländlichen Gegenden schwarze Zelte (tschaddor = Zelt auf Persisch), die mit den Händen zusammengehalten werden, bewegen.
Was steckt hinter der Verhüllungsideologie? Der Hejab - die Pflicht, dass Frauen ihr Haar bedecken und ihre Figur verhüllen sollen - war oft Teil von intensiven Gesprächen mit Einheimischen, Männern wie Frauen. Einige Gedankengänge meines letzten Gesprächspartners, einem jungen, Musevi unterstützenden, gut Englisch sprechenden Studenten auf dem Naksch-e Jahan Platz in Esfahan, möchte ich euch nicht vorenthalten. Man beachte: Mein Gesprächspartner war nicht streng konservativ und widerspiegelt wohl eine Mehrheit der hiesigen Meinungen.


Dass weibliche Rundungen dazu tendieren bei Männern gewisse Hormone freizusetzen, ist in sämtlichen Kulturkreisen bekannt. So habe sich auch der Islam seit Jahrhunderten mit diesem Probl.. eh Phänomen und seinen Konsequenzen auseinandergesetzt und ist - gemäss meinem Gesprächspartner - zu folgendem Schluss gekommen: Grundsätzlich sei der Mann dafür verantwortlich, sich zu zügeln. Da dies aber nicht in allen Situationen möglich sei, habe sich frau sozusagen präventiv vor den männlichen durch plötzlich aufwallende Hormonschübe verursachten Aktionen zu schützen in dem sie sich hinter einem tschaddor verbirgt. Soweit so gut. Als ich ihm von den Marzili-Frauen im Bikini erzähle und den sich artig verhaltenden Schweizer Männern, blickt er wiewasmeinsch erwartungsvoll an. Wie er denn damit umgehe will er arglos und echt interessiert wissen. Dieser lässt den Blick gen Himmel schweifen, lacht dann und meint das sei (meist) ein schöner Anblick und man gewöhne sich daran. Der andere blickt etwas entrückt in die Ferne - und denkt wohl an seine tief verschleierte Ehefrau im Burkini.
Das Männerbild, welches einer solchen Logik zugrunde liegt, gibt mir zu denken. Mir schienen die iranischen Männer bisher ziemlich zivilisiert (abgesehen vom hochreligiösen Qom vielleicht, wo sie mich trotz korrekt islamischer Kleidung (Kopftuch und Po bedeckendem Oberteil) angeguckt haben als wäre ich halb nackt). Ansonsten schlage ich vor, dass die Frauen per sofort selbst über ihre Kleidung entscheiden dürfen und stattdessen eine Sonnenbrilletragepflicht für Männer eingeführt wird. Je triebhafter der Charakter, desto schwärzer sollen die Gläser sein.


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Categories : Iran, Naher Osten, Reise
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