Damaskus um elf

11 03 2009

Schon Wochen hören wir den Mann täglich um 11 Uhr mit seiner durchdringenden Stimme rufen “rous-rous” - oder so ähnlich. Wir können es trotz nun doch schon mancher Arabischstunde einfach nicht verstehen. Eines Abends kommt wiewasmeinsch erfreut von der Arabischstunde zurück, er wisse jetzt, was der Typ morgens um elf zu verkaufen habe: So nennen Araber die gelbe, süssliche, gebogene Frucht nicht “mus” wie wir es aus dem Türkischen übernommen haben, sondern “mos” - und gefärbt durch einen ländlichen Dialekt ergebe das dann halt “mous”. Am nächsten Morgen verspeisen wir genüsslich unsere letzten Bananen und stürmen dann wie wir das ersehnte “mous-mous” hören auf die Gasse runter. Doch Bananen sind nirgends zu sehen. Der Mann zählt grad ein Bündel grosser Noten - “mos” sind eigentlich nicht besonders teuer - und läuft - statt zu einem kleinen Schubkarren - zu einem grösseren Lastwagen zurück. Auf dessen Ladefläche stappeln sich statt der ersehnten Bananenkisten: Gasflaschen. Gas heisst auf Arabisch “ras” - und gefärbt durch einen städtischen Dialekt wird’s dann halt zu “raous-raous”.

 

Ebenfalls seit Wochen hören wir einen anderen Mann täglich, besser gesagt nächtlich. Allerdings traut sich der nicht, so laut wie sein morgendlicher Kumpane durch Gassen und Wände zu rufen. Vielmehr hören wir allabendlich gegen 23 Uhr einen Mann verhalten pfeiffen. Er pfeifft sozusagen mit zum Pfeiffen gespitztem Mund, bläst aber bloss Luft durch die gespitzten Lippen, ohne einen Pfeiffton von sich zu geben. Zu verkaufen hat er nichts. Ob seine heimliche Geliebte bei uns in der Nähe wohnt? Unsere Fantasie hat Rafik Schami’sche Flügel erhalten…



Weltweit einzigartig: Der Chor der Muezzine der Omayadenmoschee

9 03 2009

Der im letzten Beitrag - und auch in der Realität - prominent vertretene Ruf zum Gebet verdient eine Erläuterung und eine Präzisierung. Fünfmal täglich ereilt uns nämlich kein einzelner Ruf, sondern ein ganzer Chor von Rufen. Dass die Muezzine der Omayadenmoschee die Gläubigen mehrstimmig und unüberhörbar an das Salat (Gebet) erinnern, ist weltweit einmalig. Wer hier Ironie herauszulesen versuchte, dem sei gesagt, dass dieser Muezzin-Chor für uns mittlerweile fest zum gelungenen Erlebnis „Damaskus“ dazugehört - wir werden ihn sicherlich vermissen. Am Morgen stört er mich jedenfalls nicht stärker, als wenn kediabbyssinia frech 3/4 des Bettes beansprucht. Einzig an das fast zweistündige und ebenso durchdringende Freitagsgebet konnten wir uns noch nicht wirklich gewöhnen. 

Der Chor besteht aus ca. acht alten und jungen Männern, die sich neben ihrer Arbeit als Lädelibesitzer, fünf Mal pro Tag hinter das Mikrofon stellen - ehrenamtlich versteht sich. Auswahlkriterien seien eine schöne Stimme, eine klare Aussprache und ein grosses Stimmvolumen. Das mit dem Volumen können wir bestätigen, die Aussprache hat Hochs und Tiefs und zur schönen Stimme nur so viel: Der Glaube kann wohl Berge versetzen, aber keine Stimmen. 



Zuhause hinter der Omayadenmoschee

4 03 2009

Ein idealtypischer Arabisch-Lern-Tag in Damaskus:

4:42h Der Muezzin ruft. Wir drehen uns auf die andere Seite und schlafen weiter.

8:00h Der Wecker klingelt. Es ist kalt, draussen prasselt der Regen auf’s Dach und verwandelt die unzähligen, kleinen Gassen in ein einziges Pfützenmeer. Wir drehen uns zurück auf die eine  Seite und dösen weiter.

Später: Der eine von uns steht auf und schnippelt tufahh (Äpfel), purtukal (Orangen), mos (Bananen), kiui, tschausa (Nüsse), balah (Datteln), tiin (Feigen), tuut und mischmisch (Brombeeren und Aprikosen - gibt’s noch keine aber sie haben klingende Namen;) ) für unser Morgenfit-Müesli. Flöckli sind hier leider fast unerschwinglich… (aber wir kriegen ja bald Besuch aus der Schweiz;) )

9:20h Wir lernen die Jahreszeiten, Monate, Wochentage und weiteres nützliches Arabisch-Voci.

10:30h Der eine von uns hat Stunde und läuft eine nisif saa (eine halbe Stunde) erst durch das tropfende Dimaschq kadima (die Altstadt von Damaskus) und dann durchs christlische Viertel hinter Bab Sharki, dem Osttor Damaskus’. Das Gehen gleicht eher einem den-Pfützen-von-unten-und-Tropfen-von-oben-aus-dem-Weg-Hüpfen.

Der andere sitzt direkt vor unserem Elektroöfelchen, bewegt sich möglichst wenig weg davon und büffelt fleissig weiter Vokabeln - saif (Sommer), charif (Herbst), as-sabt (Samstag, der hiesige Montag)…

11:15h Unsere Gastgeber aus Idlib (vgl. den Artikel ‘Überwältigt’) telefonieren: ‘Do you need anything?’ When do you come to visit us? Idlib misses you!’ Und zum zigten Mal antwortet der andere ‘Thank you very much, we don’t need anything. We can’t come to visit you, we have Arabic lesson everyday. But we are happy to let you know when we pass Idlib.’

11:48h Der Chor der Muezzine der nahe gelegenen Omayadenmoschee ruft. Freitags erfreut uns sein ‘Gesang’ zu dieser Zeit jeweils während zwei vollen Stunden.

12:30h Zeit, das Arabisch auf der Strasse anzuwenden: Der andere von uns mischt sich unter die Leute und holt sich eines der begehrten ‘französischen Croissants’ mit Käsefüllung. Sie sind noch ofenwarm… Leider können weder Montag oder Donnerstag, noch Januar oder Juli in die Bestellung integriert werden;)

13:00h Die Sonne zeigt sich. Erfreut verlegt der andere von uns seinen Lernplatz auf unsere arabische Terrasse mit Blick auf die Omayadenmoschee, den Berg Kassioun und den verschneiten (!) Antilibanon im Hintergrund.

14:00h Der Generator der Omayadenmoschee beginnt zu dröhnen. Die Viertel von Damaskus rotieren im Zwei-Stunden-Rhythmus mit ‘ma fi kahruba’ (es gibt keinen Strom).

15:00h Der eine kommt nach Hause und setzt sich zum anderen auf die Terrase.

15:53h Der Chor der Muezzine der nahe gelegenen Omayadenmoschee ruft. - Selbst bei äusserster Stromknappheit sind die Lautsprecher auf ‘überlaut’ eingestellt.

16:00 Der Generator hört auf zu plären.

16:30h Der andere macht sich auf durch das nun lebendige Dimaschq kadima in die Stunde zur Lehrerin, die auch hinter Bab Sharki wohnt.

17:36h Der Chor der Muezzine der nahe gelegenen Omayadenmoschee ruft.

17:40h Die Sonne geht unter. Der eine setzt sich wieder vor den wärmenden Elektroofen.

17:45h Zack, nun ist unser Quartier an der Reihe mit ‘ma fi kahruba’.

17:50h Der eine setzt sich in ein nahe gelegenes, gemütliches Café. Er wird vom wireless vom Arabisch lernen abgelenkt.

18:52h Der Chor der Muezzine der nahe gelegenen Omayadenmoschee ruft - heute zum letzten Mal.

19:00h Der andere gesellt sich zum einen ins Café.

19:30h Unser Tandem-Partner stösst zu uns und der andere stellt sich zum zigten Mal auf Fussha (Hocharabisch) vor, fragt ihn wo und was er studiert und wie er den heutigen Tag verbracht hat, für weitergehende Gesprächsthemen reicht der Wortschatz des anderen noch nicht aus. - Aber irgendwann soll dann über die letzte Al-Jezira-Sendung diskutiert werden;) Sobald unser Tandempartner an der Reihe ist, erklären wir ihm komplexe Wörter wie ’stuntman’ oder ‘evoke’. Richtig, die Diskrepanz zwischen den Arabisch- und Englischsprachkenntnissen ist enorm;) Nebst Sprachbasics erfahren wir vom gelernten Juristen eine Menge spannender Kleinigkeiten aus Alltag, Politik und Kultur sowie über den hiesigen ‘Rechtsstaat’.

21:30h Wir verabschieden uns und werden für’s nächste Mal zu ihm nach Hause eingeladen.

22:00h Zuhause ist die Elektrizität zurück. In der Zwischenzeit haben wir eine Sms von unseren Gastgebern aus Idlib erhalten. Am Freitag habe ganz Syrien ‘Urlaub’, wir sollen sie doch besuchen kommen.

 

Kein Tag ist wie der andere im lebendigen Damaskus - so gibt’s alleine schon über 100 verschiedene Wege durch die verschlängelten Gassen und Souks von unserem Haus zum Bab Sharki zu gelangen;) - abgesehen von ein paar Konstanten: dem Chor der fünf mal täglich zum Gebet rufenden Muezzins und dem Telefonat und/oder Sms unsere Gastgeber aus Idlib mit der Frage ‘Do you need anything?’ und ‘When do you come to visit us? Idlib misses you!’.



Bürokratiedschungel

24 02 2009

Heute über die unergründlichen Wege der Bürokratie.

Wir wollen unser syrisches Visum verlängern lassen. Und gehen dafür zum Immigrationsbüro. Dort wimmelt es von uniformierten Beamten, von denen jeweils die Hälfte zusieht wie die andere Hälfte mehr oder weniger engagiert stempelt, schreibt, überträgt, organisiert, erklärt, etc. Gleichzeitig wimmelt es von Menschen, mit Pässen, Fotos, Dokumenten in der Hand, die von einem Zimmer ins nächste geschickt werden und alle gleichzeitig etwas von der anderen Hälfte der Beamten wollen. Der nun folgende Prozess der Visaverlängerung wird in 11 einfachen Schritten erläutert. Um das Folgende besser nachvollziehen zu können, stellt euch das Ganze doch als Leiterlispiel vor;):

Vorwärts auf Start:

1. Rein ins Zimmer Nr. 1, sich unter wackerem Ellenbogen und Schultereinsatz zum Schreibtisch vordrücken und von Beamte Nr. 1 ins Zimmer Nr. 2 geschickt werden.

2. Im Zimmer Nr. 2 sich unter wackerem Ellenbogen und Schultereinsatz zum Schreibtisch…  an Beamte Nr. 2 wenden, der leider des Englischen nicht mächtig ist und uns deshalb weiter zu Beamte Nr. 3 mit Englisch-Kenntnissen schickt.

3. Unter wackerem Ellenbogen und Schultereinsatz zum…, Beamte Nr. 3 das Anliegen erklären, erfahren, dass man Passkopien, eine Marke und ein Einlageblatt braucht.

Pech gehabt: Zurück zum Start.

4. Raus aus dem Gebäude, Passkopien machen und Marke holen.

5. Wieder rein ins Gebäude unter wackerem Ellenbogen und Schulter… zur Réception, dort Beamte Nr. 4 gegen Geld ein Blatt Papier mit allerlei arabischen Schriftzeichen erstehen.

6. Zurück zu Feld 3. Unter Anleitung von Beamte Nr. 3 (derjenige mit Englisch-Kenntnissen), das soeben erstandene Blatt Papier mit Name, Vorname, Name des Vaters, Name der Mutter ausfüllen. Dann unter wackerem Ellenbogen… zu Beamte Nr. 5, Herrscher über den einzigen Computer der Lokalität, geschickt werden.

7. Unsere Namen werden vom soeben ausgefüllten Blatt in den Computer abgetippt. Anschliessend erhalten wir von Beamte Nr. 5 zwei Stempel und eine Unterschrift und werden dann zu Beamte Nr. 6 weitergeschickt.

Hier wären wir wegen mangelnder Geduld beinahe weggegangen und hätten damit später wieder auf Feld 1 beginnen müssen.

8. Unter wackerem… zu Beamte Nr. 6. Dieser schreibt unsere Personalien sowie das Gesuch um eine Visa-Verlängerung auf Arabisch auf oben erwähntes Formular und unterschreibt seinerseits. Weiter zu Beamte Nr. 7 in Zimmer Nr. 4. (Was tun bloss all die Leute in Zimmer Nr. 3? Haben wir etwa einen Schritt übersprungen?)

9. Hier, anscheinend beim Chef, erhalten wir ohne Ellenbogen und Schultereinsatz eine weitere Unterschrift, dass das bisher Geschriebene in Ordnung sei. Zurück zu Beamte Nr. 3 in Zimmer Nr. 2.

10. Nun gibt es Stempel und Unterschriften in unsere Pässe. Unter… zurück zu Beamte Nr. 7 in Zimmer Nr. 4.

11. Nach einer weiteren Unterschrift in den Pass ist es geschafft.

Alles hat wie am Schnürchen geklappt! Wer sagt denn, die syrische Bürokratie sei nicht effizient?

Abkürzung für Frauen (von kediabbyssinia, für den nachfolgenden Besuch der iranischen Botschaft mit Mantel und Kopftuch ausgerüstet, unfreiwilliger- und unfreudigerweise festgestellt) : Frau komme mit Mann, verhülle sich in einen Hejab (womit sie nicht mehr als eigenständiges Individuum sondern als Anhängsel des Mannes wahrgenommen wird), und warte vor der Tür bis dieser Schritte 1-11 durchlaufen hat.



Gastfreundlicher Empfang in Damaskus

18 02 2009

Wir sind mit Petrolio problemlos, wenn auch teurer als erwartet, in Syrien eingereist und leben nun während der nächsten fünf Wochen in einer kleinen Wohnung mitten in der Altstadt gleich hinter der Omayaden-Moschee.

 

Um unsere Sicherheit steht es bestens: In der zweiten Nacht - damals noch im Sidi „auf der Strasse“ - nimmt sich nämlich der syrische Staat diesem, uns zwar noch nicht negativ aufgefallenen, scheinbar ernsten Problem an. Um 18h polt… ehm, klopft es an die Tür unseres mobilen Zuhauses und wir werden ohne grosse Einleitung nach unseren Pässen gefragt. Nachdem wir dem Antragsteller aufgrund dürftiger eigener Ausweispapiere zuerst nur unsere IDs geben, werden wir - überzeugt von seiner Ordnungsfunktion nur durch die Uniform des Begleiters - zur weiteren Abklärung und zu einem Kaffee auf den naheliegenden Posten gebeten. Trotz erahnbar begrenztem Abklärungserfolg - keine gemeinsame Sprache - ist danach scheinbar alles „no problem“ und wir gehen beruhigt schlafen. 

Offensichtlich findet dann anschliessend die nächste Hierarchiestufe, dass wir allzu dürftig empfangen worden seien und unser Schutz mit den wenigen Informationen nicht garantiert werden könne. Folgerichtig werden wir um 22.30 Uhr von mind. 10 Polizisten neuerlich zu einem Tee „eingeladen“ und fühlen uns nun auch gebührend ernst genommen. Die liebenswerten Beamten (nun mit Dolmetscher) nehmen sich anschliessend mindestens eine Stunde Zeit, um nach einem ausgeklügelten Fragekatalog unser Schutzbedürftigkeitsprofil zu erstellen. Wir sind tief beeindruckt von der Professionalität, mit der sie allerlei Informationen erfassen, um uns den Aufenthalt in Syrien so angenehm wie möglich zu gestalten. Wer hätte z. B. gedacht, dass die Tatsache, dass wir in Aqaba keinen Bootsausflug unternommen haben, für unsere Sicherheit hier in Damaskus relevant ist? Ihr seht, für uns ist bestens gesorgt und die so erfahrende Aufmerksamkeit erfüllt uns mit aufwühlender Dankbarkeit gegenüber der hiesigen Regierung.