Luther und die Heiden

23 07 2009

Seid Bulgarien ziert nicht mehr der Halbmond sondern das Kreuz bzw. Doppelkreuz den höchsten Turm im Dorfzentrum. So viele Kirchen wie in dieser Region haben wir schon lange nicht mehr gesehen, jede kleinste Hügelkuppe wird religiös ‘markiert’. Zum religiösen Empfinden der hiesigen Bevölkerung eine kleine Episode: “Aha, dann seid ihr also Heiden” meint die ältere Katholikin nachdem sie uns nach unserer Religion gefragt hat. Dann stellt sie nüchtern fest: “Ihr betet zu Luther, wir beten zu Jesus.”

Offensichtlich gibt es nicht nur zwischen den Religionen Missverständnis sondern gerade auch innerhalb der Religionen.



Overlander

21 07 2009

Wir sind waschechte Ouverländer, und das nicht zu knapp. Stundenlang sind wir die letzten Tage über Land gefahren. In Serbien ganz nach dem Motto ‘Alle Wege führen nach Belgrad’. So dachten wir zumindest nach unserer ersten Erfahrung vor elf Monaten, wo an jeder kleinsten Kreuzung an der Ost-West-Transitstrasse ein Schild die Richtung der Hauptstadt wies. Wir wähnten uns fast in Frankreich. Nun, auf dem Weg von Südosten nach Nordwesten hätten wir uns beinahe zigmal verfahren, so spärlich wird jeweils über das nächste Dorf hinweg ausgeschildert. Wer fährt schon Nebenstrassen, wenn Belgrad von Niš nahe der bulgarischen Grenze für lächerliche 22.- € bequem in drei Autostunden erreichbar ist? Nebst alten Männlein auf klapprigen Rädern auch ein weisser Mercedescampingbus mit Schweizer Kennzeichen. Um unser Tagesbudget nicht dem Asphalt zu opfern, kurven wir einen ganzen Tag auf holprigen Nebenstrassen in die Hauptstadt - und darüber hinaus. Denn auch in Kroatien ist die Autoput ein Luxus und die Schweiz des Balkans (Slowenien) hat ihrer Alpenverwandten nicht bloss die schneebedeckten Mehrtausender gleich sondern auch die Autobahnvignette. Bekanntlich lässt sich auch die benachbarte Bananenrepublik bzgl. Autobahngebühren nicht lumpen. So schnell wird unsere ouverländer-Abenteuer also nicht beendet sein - wir sind ganz glücklich darüber und entdecken dabei das Hinterländ.



Belgrad hat viele Gesichter

19 07 2009

That's Belgrade! Auf Belgrads Festung Kalemegdan

Tock, tock, tock, tock. Der Blick bleibt an den Pfennigabsätzen hängen, die dieses Geräusch auf den Pflastersteinen der Belgrader Altstadt verursachen. Er wandert höher den bleistiftschmalen, zehn Zentimeter Absatz hinauf, den langen Beinen entlang, zum kurzen Rock, es folgen ein enges Top, das tief blicken lässt, ein verführerisch geschminkter Mund, Filmstaraugenwimpern und schliesslich eine trendy Frisur. Das neureiche Wesen schwebt, ein Gucci-Täschchen in der einen, das teuere Handy in der anderen Hand in die nächste Modeboutique und trinkt anschliessend mit seinen Artgenossinnen einen Café-latte für 340 Dinar (5.50 CHF) in einem der unzähligen Strassencafés.

Es wird einem sogar ausgepackt, das eben gekaufte Erdbeercornet. Von einer Mittsechzigern mit schütterem, an den Ansätzen ergrautem Haar, die hinter einem der vielen etwas zu dunkeltürkis geratenen Nestléständen ihre magere Rente aufbessert. Doch häufig sitzen die älteren Damen und Herren bloss da und warten auf Kundschaft. Die schicken Belgrader und Belgraderinnen leisten sich währenddessen ein echtes Kugeleis vom Mövenpickstand gleich nebenan, zumindest diejenigen, die auf der Geldseite des Lebens stehen.



Serbien / Bulgarien

27 09 2008

Wir sind gut vorwärts gekommen. Nach dem teilweise erstaunlich modernen und industrialisierten Serbien fahren wir momentan durch Bulgarien. Langsam aber stetig werden die Städte ärmlicher die Schlaglöcher tiefer, und die Strassenhändler aber auch die Mercedes- und BMW-Fahrer zahlreicher. Die Menge solcher Luxuslimousinen ist unerklärlich und paradox, wenn man fälschlicherweise das allgemeine Wohlstandsniveau als Massstab nimmt. Mehr Erklärungskraft bietet leider wohl das sehr hohe Korruptionsniveau und damit einhergehend die offensichtlich ungebremste Bereicherung und Kaufkraft gewisser Kreise. Eine Einschätzung, die übrigens auch von der EU geteilt wird, hat sie doch kürzlich Bulgarien Strukturhilfen im Wert von 1.5 Milliarden Franken verweigert, weil mit dem Geld wohl eher noch mehr Mercedes gekauft - als dem Land geholfen worden wäre.

Landschaftlich sind beide Länder sehr lohnenswert. Weite Ebenen wechseln sich mit sanften Hügeln ab, am Horizont erheben sich Gebirgen im blauen Dunst. In Serbien dominieren Maisfelder und darin versteckt kleine Gärten. Bulgarien ist über lange Strecken fast unbesiedelt und erstaunlich trocken. Neben dem Wald und einigen Sonnenblumenfeldern könnte man die Landschaft als steppenartig beschreiben. In Sofja sind uns neben dem wiederum etwas chaotischeren Verkehr vor allem die monumentalen, kommunistisch angehauchten Plätze/Denkmäler und heruntergekommenen Gebäude aufgefallen. Nichts also, was uns für einen längeren Aufenthalt motiviert hätte. Und vor allem, Istanbul ruft.

Morgen fahren wir in die Türkei und sind jetzt - neben Blogschreiben - fleissig am Türkisch lernen.