In der guten, alten Stube im Emmentaler Bauernhof lag wohl zu Gotthelfs Zeiten die Bibel auf dem Nachttischchen. Im Iran ist es der Koran, gestern wie heute. Aber nicht nur: Ein Gedichtband des wohl grössten persischen Dichters liegt fein säuberlich daneben. Jederzeit griffbereit. Dichter haben im Iran einen ganz besonderen Stellenwert. So kann jeder junge Bursche, jede alte Greisin eine Ghasele aus Hafez’ Diwan oder Sadi’s Golestan zitieren. Dies ist nicht bloss ein Klischee, wir selbst kamen in den Genuss Hafez’ rythmische Verse auf der Si-o-se Brücke Esfahans aus dem Mund einer befreundeten, modernen Dichterin zu hören. Hafez’ Grab in Shiraz kommt einem Wallfahrtsort gleich, wo Menschen aus dem ganzen Land ehrfürchtig das Grab des Dichters berühren während sie seine Verse vor sich hin murmeln. In Tabriz ist den Lyrikern Persiens gar ein ganzer Friedhof gewidmet.
Der im 14. Jh. lebende Sufi Hafez liebte die Liebe, das Leben, den Wein und die Frauen. Kein Wunder wird er auch heute noch von vielen Iranerinnen und Iranern in allen Lebenslagen konsultiert. Die Augen werden geschlossen, der grosse Dichter angerufen. Anschliessend klappt man den Diwan an irgendeiner Stelle auf und interpretiert die vorgefundene Ghasele im Angesicht der persönlichen Lebenslage. Teilweise sind es auch Kanarienvögel, welche die weissagende Ghasele aus einer kleinen Box picken, während Kinderaugen strahlend die dafür bezahlten divis (zweihundert) toman (20 Rappen) einstecken.
Hafez’ Grab in Shiraz



Mag sein, dass in manchen Haushalten in der Schweiz auch heute noch eine Bibel auf dem Nachtttischchen liegt. Wie wär’s mit Goethe daneben? Oder doch lieber Ringelnatz? Mein persönlicher Favorit:
Dunkel war’s, der Mond schien helle
schneebedeckt die grüne Flur
als ein Wagen blitzeschnelle
langsam um die runde Ecke fuhr
Drinnen sass ein stehend Männchen
stumm in ein Gespräch vertieft
als draussen auf der Sandbank
ein toter Hase Schlittschuh lief
…
Christian Morgenstern
Wie dieses Gedicht im Lichte der gegenwärtigen Entwicklungen im Iran interpretiert werden kann? Nun, die Welt scheint voller Gegensätze: Wirft man Mussevi in die Wahlurne, spuckt sie plötzlich Ahmadinejad aus.
Übrigens, das mit Goethe auf dem Nachttisch ist ernst gemeint. “Und mag die ganze Welt versinken, Hafez, mit dir, mit dir allein will ich wetteifern! Lust und Pein sei uns, den Zwillingen, gemein! Wie du zu lieben und zu trinken, das soll mein Stolz, mein Leben sein”. So hat Goethe seinen um vierhundert Jahre ‘älteren poetischen Zwilling’ bewundert - Goethe als Alternative zum Horoskop in der Zeitung?
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