Wenn schon heiss, dann richtig heiss

27 05 2009

Auf dem Weg nach Busheher haben wir Bekanntschaft mit der richtig grossen Hitze kombiniert mit hoher Luftfeuchtigkeit gemacht. Unsere Reisevorbereitung hat natürlich auch diesen Fall vorausgesehen und in weiser Voraussicht - damit wir das Erlebnis auch mit allen (offenen) Poren und unverfälscht wahrnehmen können - haben wir ja vor einem Jahr darauf geachtet, ein Auto ohne Klimaanlage zu erstehen. Das zweite Element unserer “wenn schon heiss, dann richtig heiss-Strategie” war die Verlegung unserer Fahrzeiten zwischen 10 Uhr und 16 Uhr. Wir sind ja keine “Kaltfahrer”. Mit diesem zweiten Element konnten wir ausserdem die Tatsache, dass wir für die ganz grosse Hitze noch zwei Monate zu früh sind, teilweise kompensieren. Beide Punkte führten zu einem phänomenalen Persischen Golf-Erlebnis und haben sich voll ausbezahlt, wir sind schweissnass glücklich.

Es ist so heiss…

… dass das Wasser aus der Flasche angenehme Teetemperatur hat

… dass sich das Gebläse eher wie ein Föhn, der einem konstant ins Gesicht bläst, auswirkt

… dass wir uns ernsthaft überlegen, während den Pausen die Tür des Kühlschranks zu öffnen

… dass die Duschwasser auch ganz ohne zutun des Boilers auf normalerweise angenehme 40 Grad warm ist. Normalerweise, weil wir in diesem Spezialfall uns auch ganz gerne mit kaltem Wasser erfrischen würden

… dass sich der Blick aus dem offenen Fenster mit dem Luftstrom beim Öffnen der Backofentüre vergleichen lässt. Der Vergleich hinkt insofern, da wir ja praktisch schon im Backofen sitzen. Aber diese logische Diskrepanz stört den Schreiber in Anbetracht der hirnaktivitätverlangsamenden Hitze nur wenig und rechtfertigt erst recht nicht weitere schweisstreibende Tastenanschläge für ihre Beseitigung

… dass wir beginnen die Fenster während der Fahrt wieder zu schliessen; die Luft von draussen ist einfach zu heiss

… dass in der Schweiz die Kinder während 9 Monaten hitzefrei hätten

… dass sogar kediabissyna, anstatt alle 500 Meter für ein Föteli anzuhalten, beginnt während der Fahrt zu fotografieren.

… dass wir pro Tag nur 2 Mal aufs WC müssen, der Rest der Unmenge Wasser, die wir in uns hineinschütten, schafft es gar nie bis zu den Nieren

p.s. wer uns etwa schon wegen des späten Wegfahrens als die reisenden Faulpelze betrachtet hätte, irrt. Nach ca. 7 Uhr kann man, wegen der Hitze im Auto sowieso nicht mehr schlafen und wir machen dann Sight-seeing, bis wir eben ca. um 10 Uhr weiterfahren. Fahren - auch wenns heiss ist - ist dem langsamen Dahinschmelzen immer noch vorzuziehen



Roter Nagellack

24 05 2009

Roter Nagellack, im Westen schick-schrilles Accessoire trendiger Frauen, kommt in islamischen Breitengraden weitreichendere Bedeutung zu. Bemalte Zehennägel haben gar politische Symbolkraft und können weitreichende ökonomische Konsequenzen haben. Mit leuchtend roten Nägeln gibt sich frau nämlich als nicht religiös zu erkennen. Jede Muslimin (und jeder Muslim) muss sich vor dem Gebet Gesicht, Hände und Füsse waschen um sich danach rein gen Mekka wenden zu können. Rote Nägel können nun mal nicht frisch gewaschen sein, da sie Kraft Gottes Schöpfung natürlicherweise milchig weiss strahlen. Fazit: Nicht bloss der schwarze Tschador sondern auch knallige Zehennägel lassen Rückschlüsse auf frau’s politisch-religiöse Gesinnung zu - und sind damit ganz nebenbei auch Kündigungsgrund für Angestellte im öffentlichen Dienst oder Anwärterinnen auf eine Unikarriere:(

Übrigens: Seit kurzem leuchten auch meine Zehennägel rot…



Zuckersüsses Schlitzohr

23 05 2009

Die Iraner sind bekannt für ihre ausserordentliche Gastfreundschaft. Seit wir dieses wunderbare Land bereisen, erleben wir sie hautnah. In jeder grösseren Stadt werden wir auf’s herzlichste von einem persönlichen Empfangskomitee willkommen geheissen. Und das kam so: Silvester-Neujahr haben wir mit einem ausserordentlich sympathischen, deutsch-iranischen Pärchen am Golf von Aqaba verbracht, Karl und Jila. Sie wollten (von Deutschland) via Saudi-Arabien - Oman in den Iran einreisen, wir via Türkei. Als wir dann in Teheran waren, dauerte es keine Stunde nachdem Jila aus Deutschland ihre Familie per Telefon über unsere Ankunft avisiert hatte, bis wir von zwei Brüdern in unserem Alter zum Sightseeing abgeholt wurden. Abends darauf, gab es dann ein ausgezeichnetes Abendessen bei der Familie zuhause. Die Familie von Jila ist sehr nett und, wie es hier so üblich ist, über’s ganze Land vernetzt. So kriegten wir folgende nüchterne SMS ‘Leila will be your guide in Esfahan’, einen fröhlichen Anruf von Fatima, dass sie uns in Shiraz erwarten würde, und eine Einladung nach Busheher. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis welche nach Yazd, Kermanshah, Sanandaj etc. folgen werden… Es ist eine wunderbare Erfahrung so herumgereicht zu werden und wir können tief hinter die Kulissen blicken. Wir treffen Unbekannte und verlassen oft Freunde.

Einige Episoden unseres Aufenthalts in Shiraz:

Seit drei Tagen verbringen wir Zeit mit Fatima und ihrer Familie. Ihr achtjähriger Sohn scheint uns ins Herz geschlossen zu haben und hat uns als Zeichen seiner grossen Zuneigung seinen Lieblingsdrink zubereitet: Orangenlimonade gemischt mit Kirschsirup, beides in purer Konzentratform. Das Ergebnis war farbenfroh, im wahrsten Sinne zuckersüss - und schlicht untrinkbar. Doch kann man eine solche Ehrerbietung nicht einfach ablehnen. Also trinken wir das klebrig-süsse Getränk, im Versteckten verdünnen wir es mit Wasser. Doch es wird einfach nicht weniger süss, im Gegenteil. Schliesslich offenbart sich mir die Erklärung auf dem Grund des Glases: Der gute Junge hat das ganze zusätzlich mit zwei Zuckerwürfeln gesüsst, welche sich nun langsam auflösten. Je süsser das Getränk, desto ’sweeter’ finde er die Gäste, erklärt er uns verschmitzt. Wir wissen es zu schätzen, unsere Zähne und Mägen etwas weniger.

Nach einer Nacht bei uns im Camper im siebten Himmel, hat sich der Junge etwas spezielles ausgedacht, wie er noch mehr Zeit mit uns verbringen könnte. Ich soll beim Metzger gleich um die Ecke Fleisch für das allgegenwärtige Kebab holen gehen und nehme ihn mit. Als wir dort angelangen, meint er, dieses Fleisch sei nicht gut und wir sollen zu ‘Super Guscht’ (= Super Fleisch) gehen. Nichts böses ahnend vertraue ich ihm - um dann eine geschlagene Stunde mit ihm durch die horrende Mittagshitze von Schatten zu Schatten zu Super Guscht zu hüpfen, wo wir das Fleisch doch innerhalb zehn Minuten hätten haben können;) Als wir zurückkommen, hat seine Mutter bereits wiewasmeinsch auf die Suche nach unserem Verbleib geschickt…



نقش جهان - die halbe Welt

22 05 2009

Nach gut neun Monaten Reise haben wir die halbe Welt gesehen. Zumindest gemäss eines persischen Sprichwortes, welches besagt, dass ‘wer (Naksch-e Jahan in) Esfahan gesehen hat, hat die halbe Welt gesehen’. Naksch-e Jahan (zu Deutsch ‘die halbe Welt) ist der zentrale Platz Esfahans, von drei grandiosen Monumenten geziert und durchgehenden Arkaden gesäumt. Die tiefblaue Scheich Lotfollah Moschee, einst Privatmoschee des Königshauses durch einen unterirdischen Gang mit dem Ali Qom Palast auf der anderen Seite des Platzes verbunden. Das Innere des Ali Qom Palastes ist wunderbar verziert, doch hat der Regent wohl die meiste Zeit zwischen den hohen Holzsäulen unter der reich verzierten Holzdecke auf seiner Terrasse gesessen und dem Treiben auf dem Platz zugeschaut. Das dritte Monument ist die Immam Moschee, welche ebenfalls üppig mit blauen und gelben Kacheln verziert ist. Der Grundriss beider Moscheen ist besonders spannend: Beide repräsentativen Portale sind dem Platz zugewandt, die dahinter liegenden Moscheen jedoch nach Mekka ausgerichtet. Die Architekten haben dieses ‘Winkel-Dilemma’ jeweils elegant mittels eines dekorativen Ganges gelöst.

Während sich bloss einige Touristen während der brütenden Mittagshitze auf den Platz des halben Lebens verirren, wird er in den frühen Abendstunden von unzähligen die Picknickdecke ausbreitenden, schwatzenden, Kinderwagen schiebenden und teilweise sogar Händchen haltenden Lokalen bevölkert. Kaum sitzt man fünf Minuten auf dem Naksch-e Jahan und schleckt ein leckeres iranisches Eis (mit Safran und Rosenwasser), wird man von iranischen Jugendlichen/Studenten/Familien angesprochen, die ihre Englisch üben wollen. Oft ergeben sich interessante Gespräche oder wir werden nach Hause eingeladen. Es fehlt uns schlicht die Zeit, all diese Einladungen anzunehmen;)

Übrigens: Seit der islamischen Revolution wird der Naksch-e Jahan Platz Meidan-e Emam, Immam Platz, genannt, ein Schicksal, das viele Sehenswürdigkeiten erleidet haben.

Nachfolgend einige Impressionen von Naksch-e Jahan, für diejenigen, die sich auf der anderen Hälfte der Welt befinden;)

Die Immam Moschee am Naksch-e Jahan Platz in Esfahan

(man beachte die Ausrichtung des Portals und diejenige der Moschee)

Die Immam Moschee am Naksch-e Jahan Platz in Esfahan

Verschiedene Blautöne der Immam Moschee am Naksch-e Jahan Platz in Esfahan

Immam Moschee am Naqsch-e Jahan Platz in Esfahan

Immam Moschee am Naqsch-e Jahan Platz in Esfahan

Die Scheich Lotfolla Moschee am Naksch-e Jahan Platz in Esfahan aus zwei verschiedenen Perspektiven

Die Scheich Lotfolla Moschee am Naksch-e Jahan PlatzDie Scheich Lotfolla Moschee am Naksch-e Jahan Platz

In der Scheich Lotfolla Moschee am Naksch-e Jahan Platz in Esfahan

In der Scheich Lotfolla Moschee am Naksch-e Jahan Platz in Esfahan



Paradies auf Persisch

21 05 2009

Beim Durchfahren der schönen Zagros-Berge können wir der Anschrift auf der Karte nicht widerstehen und machen einen Umweg zum behescht-e gomschode, zu Deutsch “verlorenes Paradies”. Gestützt auf diese sowie weitere Picknickerlebnisse, hier nun die Erläuterung was die Perser unter Paradies verstehen:

Zutaten:

1. Wasser: Nach Möglichkeit in Form von Wasserfällen (unter die man zwecks Fotoshooting - natürlich mitsamt Kleider, resp. Tschador - mitsamt den Schuhen stehen kann). Anschliessend fliesst das paradiesische Nass über unzählige ganz seichte Wege durch ein kühles von blühenden Blumen gesäumtes Waldstück.

2. Picknickstellen: Am besten ein grosses, flach betoniertes Plätzchen, neben einem solchen kleinen Wasserweg, wo man sich mit der ganzen Grossfamilie zum gemütlichen Geniessen niederlassen kann. Er sollte auch mindestens 50cm von der nächsten Stelle/Grossfamilie weg sein, ein bisschen Privatsphäre muss schliesslich sein.

3. Parkplatz: Da Paradiese auch im Iran meistens mehr als 20 Meter von der Haustür entfernt liegen, braucht man natürlich das Auto um hinzukommen. Und da am freien Freitag in der Regel auch noch andere die gleich Idee haben, braucht es einen richtig grossen Parkplatz. Er sollte übrigens möglichst nahe der der erwähnten Picknickstelle liegen und mit ihr mit einem Stögelischuh tauglichen Pfad verbunden sein, weil man schliesslich den Grill, Kebab-Spiesschen, Teppiche, die 10kg Gasflasche, Teller, Krüge, Gläser, Wasserpfeifen, etc. etc. irgendwie dorthin transportieren muss.

4. Touristen: Der Gipfel des Paradieserlebnisses scheint für einige Iraner die Möglichkeit, zwei Touristen zu polo und tschai (Reis und Tee) und gemütlicher Plauderstunde einzuladen. Für einmal lehnen wir herzlich dankend ab, dies mindestens 3-4 Mal, da die hiesige Kultur ein x-maliges Nachfragen und Ablehnen erfordert. Die Iraner, nachdem sie sich überzeugt haben, dass wir nicht nur aus Höflichkeit ablehnen, akzeptieren dies problemlos und geniessen das  plätschernde Wasser weiterhin in vollen Zügen.

P.S.: Das Wetter spielt übrigens eine untergeordnete Rolle. Im Gegensatz zu uns Sonnenanbetern wird hier nämlich Regenwetter als “gutes Wetter” bezeichnet.

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