Erste Eindrücke aus dem Iran

27 04 2009

Grenze

Wir werden vom englischsprachigen Tourismusoffizier freundlich empfangen und durch den ersten Teil des Prozedere geleitet. Leider geht er dann in die Mittagspause und wir werden fortan ziemlich neutral und mittelmässig speditiv abgefertigt. Der Zoll würdigt unser Auto keines Blickes und interessiert sich nur für die Chassis-Nummer.

Tanken

Weil unser Tank angesichts der phänomenalen Preisunterschiede fast leer ist, steuern wir direkt nach der Grenze eine Tankstelle an und etwa die Vierte führt tatsächlich auch Diesel im Angebot. “Diesel, bitte voll” und dann warten wir erwartungsvoll auf die Rechnung. 62 Liter für 12′000 Rial, auf den ersten Blick nicht billig, aber das täuscht, und wie. Umgerechnet bezahlen wir sagenhafte 1.20 CHF!! In der Schweiz ist eine Flasche Wasser teurer. Wir begreifen, dass Verbrauchswerte hier (zumindest nicht für Diesler) nicht sooooo kaufentscheidend sind. Benzin ist teurer (genauer wissen wir es nicht) aber immer noch billig.

Verkehr

Viel mehr Privatverkehr und weniger Busse als in Syrien und der Türkei; kein Wunder bei diesen Benzinpreisen (siehe oben). Die Überholmanöver sind hollywoodwürdig und die Fahrspuren (inkl. Pannenstreifen) eher Theorie als Praxis; s’het Platz solang’s het und danach gibt’s ja noch die Stossstange. Vom hohen Sidi aus, überblicken wir ruhig das Chaos, seitenblicken fleissig nach links und rechts und fahren gestern zielsicher zu einem 5-Sterne Hotel im Herzen Teherans, wo wir auf dem Parkplatz am Rande eines Stadtparks, einer der vielen grünen Lungen der smogverseuchten Metropole, stehen können. Die äusserst freundlichen Receptionisten lassen uns ausserdem die Toiletten benützen, in der Lobby compüterlen und rüsten uns mit Stadtplan, Tipps und Tricks sowie Notfalltelefon des Assistent Managers perfekt für die 20-Millionen-Megapolis.

Iranische Neugier

Nachdem die Iraner zuerst eher zurückhaltend waren, werden wir nun wo wir auch stehen, tanken und fahren, freundlich angehupt, angewunken, eingeladen, zugezwinkert, etc., etc. Aber dabei bleibt es nicht, in Tabriz z. B. hat sich der fliessend Deutsch sprechende Hossein mind. 2 Stunden Zeit genommen, mit uns einen Parkplatz gesucht und uns dann am Abend gemeinsam mit seiner - leider weder Deutsch, noch Englisch sprechende - Frau in der Stadt rumgefahren. Stehen wir mehr als 10 Sekunden (scheinbar oder tatsächlich) suchend irgendwo rum, wird uns garantiert Hilfe angeboten. Auch nach den vielen guten Erfahrungen im Vorfeld sind wir immer wieder sehr beeindruckt!

Schleier

Geben wir’s zu: kediabyssinias Verhüllung ist kein Highlight des Besuchs. Anstatt sie, sehe ich vor allem schwarzes Tuch und ewig rutscht ihr das Kopftuch hin und her und herunter. Solange es nicht heiss ist und solange uns die Freundlichkeit der Menschen so dafür entschädigt, kann man sich (d. h. vor allem sie) damit arrangieren, nicht wahr kediabyssinia?

Auf der Strasse sieht man tatsächlich recht viele schwarze Zelte (tschaddor bedeutet lustiger- und sinnigerweise wirklich Zelt) und es ist schon “bedenkenswert”, wenn eine Gesellschaft ihre bessere Hälfte dermassen verhüllt. Der Iran darf aber nicht ganz so schnell abgeurteilt werden. Gleichzeitig sieht man viele v.a. junge Frauen, bei denen mindestens die halbe, herausgeputzte Haarpracht sichtbar ist (von wegen einzelner Strähnen), sprich das Kopftuch gerade noch so den Hinterkopf bedeckt. Auch sieht man allerlei sehr enge Mäntel, mittels denen das in der Verfassung festgeschriebene, formenverdeckende Ziel unverfroren ins Gegenteil verkehrt wird. In Tabriz haben wir auch etliche Hand-in-Hand-spazierende Paare gesehen. Insgesamt machen die Frauen unabhängig von ihrer Bekleidung einen sehr selbstbewussten Eindruck.



Die Tee- und Werkstattstory

23 04 2009

Nachfolgend wird das Fetten der Vorderachse unseres Sidis anhand der dazu benötigten Teetassen nacherzählt. Das pièce de résistance ist jeweils, dass man nicht nur fetten, sondern dazu auch das Auto aufbocken sollte. Während die Notwendigkeit des Fettens von hiesigen Garagisten gut nachvollzogen wird, ist das Verständnis für den Hochhebungswunsch erfahrungsgemäss gering.

Der Tee, inkl. mehrfachen Nachschenkens gehört dazu. Eine schöne Geste, die aber bei x-facher Wiederholung eine gewisse Sättigung hervorrufen kann und angesichts der beachtlichen Zuckermengen zwecks Überlagern des bitteren Geschmackes auch nicht gesund ist.

1. Glässchen Tee: Mercedes-Garage

Naheliegender Anfangspunkt, da der Sidi ja auch den Stern trägt. Ich werde freundlich begrüsst, bekomme einen Tee serviert und erkläre mein Anliegen. Alles kein Problem. Naiv glücklich über die Einfachheit der Ausführung meines Vorhabens sehe ich die Leute geschäftig wirken. Aber halt, halt, so einfach ist es natürlich nicht. Damit aus dieser Geschichte noch was wird, kommen sie nach 5 Minuten mit der Nachricht zurück, dass ihre Fettpresse seit 4 Monaten in Revision sei.

2. Glässchen Tee: Das muss ich bei zwei Garagen ohne Hebemöglichkeiten freundlich ablehnen, weil ich bei gleichbleibendem Rhythmus auch 5h später ohne Fett in den Achsen rumfahren und bei jeder Toilette einen après-Teehalt machen müssste.

3. Glässchen Tee: Endlich, der Sidi ist aufgebockt und das Fett ist reingepresst. Doch, zu früh gefreut: Die altersschwache Pumpe scheitert an einem von sechs zu fettenden Punkten. Weiter geht’s.

4. Glässchen Tee: Eine Nissan-Garage soll’s richten. Nach dem Tee kommt das Auto auf die Hebebühne und mind. 5 gut gelaunte Mechaniker tummeln sich darunter. Nach dem Motto: “Da hat’s ja schon Fett und überhaupt, es fährt ja noch, warum also was machen”, kommt der Sidi wieder runter und ich fahre unter viel Gelächter und mit besten Wünschen aber ohne Fett vondannen.

5. Glässchen Tee: Eine Mitsubishi-Garage ist mein letzter Hoffnungsschimmer. Nach dem Tee wird die Fettpresse unkompliziert angesetzt, tut ihren Dienst und ich habe es - nach ca. fünf Stunden und ebenso vielen Gläsern Tee - endlich geschafft.

Nun sind wir mit leerem Tank (Diesel kostet nur wenige Rappen im Iran) und vorübergehend viel Bargeld (weder Travellers Cheque noch irgendwelche Karten funktionieren im sanktionierten Land) wieder auf (nun gefetteter) Achse.



Velofahrer möcht ich sein…

22 04 2009

In den letzten drei Tagen waren wir mit den beiden Waadtländern Nepalradfahrern Adrien und Jonathan unterwegs. Das heisst allerdings nicht, dass wir wie bei der Tour de France mit dem Auto hinterhergerollt und ab und zu mit frenetischem Geschrei und einer Flasche Wasser nach vorne gerannt wären, um sie abzukühlen. Stattdessen haben wir sie inkl. zahlreichem (Jonathan hat sich unterwegs sogar eine Gitarre gekauft) Gepäck in, und ihre Velos an Sidi(s Hintertür) gepackt und sind spannende drei Tage miteinander - sie ein bisschen schneller und wir ein bisschen enger - zum Van-See gereist. Abkühlung wäre sowieso kaum notwendig gewesen, weil es hier in den Bergen dauerregengraunasskalt ist - wir haben sogar vereinzelte, verspätete Schneeflocken gesehen und auf den Pässen ausgewachsene Schneefelder gestreift.

Das garstige Wetter hat dann auch meine kurzzeitig aufgekommene Velonostalgie etwas relativiert. Im warmen Sidi bestens aufgehoben, kann ich auf den Genuss des Anziehens der kaltklammfeuchten Kleider und das morgendliche Einpacken des schlammnassbraunen Zeltes durchaus verzichten. Um die Befriedigung eine solche Reise mit eigener Kraft zu bewältigen, den Veloreiserhythmus, die gesunde Bewegung und die Langsamkeit der Erfahrung dieser grossen Räume hingegen, beneide ich die beiden sehr!!

dsc05081

V.l.n.r.: Jonathan und Adrien unterwegs nach Kathmandu (davon drei Tage mit uns), Möchtegernvelofahrer “wiewasmeinsch” unterwegs in den Iran, Mireille und Roger unterwegs nach Südostasien

PS: Die zwei Velofahrerpaare haben übrigens je einen Blog, die entsprechenden Links sind neu aufgeschaltet unter ‘Reisende’

Nun sind wir in Van, die Grossstadt am gleichnamigem Grosseee, die nur über hohe Pässe und damit im Winter schlecht erreichbar ist. Statt das grossartige Panorama zu geniessen, müssen wir momentan mit niedrigen Wolkenfronten vorlieb nehmen und einmal mehr unsere Winterkleider bemühen. Das Klima ist wirklich rauh hier, Mitte April schmilzt gerade erst der Schnee weg, von blühenden Wiesen noch keine Spur. Wir bereiten uns so schnell wie möglich auf den Grenzübertritt vor, um rasch in wärmere Gefilde zu kommen. Ev. statten wir dann der Region auf der Heimreise nochmals einen Besuch ab, dann in sommerlicher Atmosphäre.

dsc05135

Unsere Strasse inmitten schneebedeckte Berge am südlichen Ufer des Vansees



Das wohl schönste Postgebäude der Türkei…

21 04 2009

… ist in Mardin in einem wunderschönen, alten, sandsteinfarbenen Haus untergebracht. Vorsicht, die Impressionen könnten einen plötzlichen Karriereänderungswunsch als BriefträgerIn bei der türkischen Post bzw. in fortgeschrittenem Alter einen Ruhestandsitzänderungswunsch nach Südostanatolien ans Licht bringen.

Aufgang in das edle Postgebäude

dsc05046

Blick am Minarett vorbei auf die fruchtbare Ebene Mesopotamiens

dsc05050

Das weite, fruchtbare Land zwischen Euphrat und Tigris, die Berge am Horizont liegen bereits in Syrien

dsc05060

Wer möchte nicht in einem weichen Şef-Sessel hinter einem solch exquisit verzierten Şefbüroeingangsportal sitzen?

dsc05052

Das sandsteinfarbene gelb findet in etwas kräftigerer Tönung Eingang in die Potsverteiltransportmittelbemalung und in die Arbeits- und Sportkleidung.

dsc05049

In der Schweiz würde ein solches Gebäude wohl postwendend von der UBS als Abfindung von Marcel Ospel gekauft. Aber da das Gebäude eben in Mardin steht und die UBS wohl Ple … ehm, kein Geld übrig hat, gehört es jetzt eben der türkischen Post;)



Die Türkei - das Stauseenland

20 04 2009

Der Atatürk-Staudamm

dsc04903

Der 1992 in Betrieb genommene Atatürkstaudamm ist wohl eines der prestigeträchtigsten sogenannten ‘Entwicklungsprojekte’ der Türkei. Mit einer Fläche 1.5 mal so gross wie der Bodensee, ist er der grösste, energetisch bedeutsamste - und ökologisch verheerendste? - der insgesamt 22 Staudämme des Südostanatolien-Projektes (GAP). Durch das GAP soll das Wasser des Euphrats  und Tigris wirtschaftlich genutzt werden. 22 Milliarden US$ sind für die Realisierung des GAP bis 2010 veranschlagt, über 90′000 Menschen bisher umgesiedelt worden. Dank zwei riesigen Bewässerungstunnels bei Şanliurfa, welche die Hälfte des Euphratwassers abzweigen, wächst jetzt in der Wüste von Harran Baumwolle.

Eines der Dörfer, welches ökonomisch höher liegenden Zielen weichen musste, haben wir besucht. Zwar hat die Beschreibung  ‘im Euphrat versunken’ etwas mystisches an sich, doch täuscht dieser spezielle Reiz nicht über die Tragik des Ereignisses hinweg. Viele der vom Wasser verschonten, edlen, alten Sandsteinhäuser Eski (Altes) Halfetis sind dem Zahn der Zeit preisgegeben. Die meisten jungen Menschen sind nach Yeni (Neues) Halfeti ausgewandert, der türkische Staat hat ihnen dort, auf einer Hügelkuppe, ein zwar modernes aber seelenloses zu Hause hingeklotzt. Wenigstens sind sie nun näher an der Autobahn…

Ein weiteres dem gleichen Schicksal harrendes Dorf liegt am Tigris. Sein Name ist Hasankeyf und wirft sprichwörtlich Wellen. Nachdem sich die Bevölkerung der ganzen Region solidarisiert und mobilisiert hat, hat einer der grossen Geldgeber - mitbeteiligt sind Deutschland, Österreich und leider auch die Schweiz - kalte Füsse gekriegt und sich zurückgezogen. Mit rauem Unterton zeigen die Leute auf die Lautsprecher unter der Spitze des Minaretts, bis dort würde das Wasser steigen und das gesamte Dorf und umliegende archäologisch wertvolle Stätten unter sich ‘ertränken’. Dort drüben am Berg, hoch über dem jetzigen Flusslauf, läge ihr neues zu Hause. Noch ist es nicht soweit, aber es scheint als sei das Projekt bloss aufgeschoben, nicht aufgehoben.

Hasankeyf, ein zukünftiges Halfeti?

dsc05109