Zuhause hinter der Omayadenmoschee

4 03 2009

Ein idealtypischer Arabisch-Lern-Tag in Damaskus:

4:42h Der Muezzin ruft. Wir drehen uns auf die andere Seite und schlafen weiter.

8:00h Der Wecker klingelt. Es ist kalt, draussen prasselt der Regen auf’s Dach und verwandelt die unzähligen, kleinen Gassen in ein einziges Pfützenmeer. Wir drehen uns zurück auf die eine  Seite und dösen weiter.

Später: Der eine von uns steht auf und schnippelt tufahh (Äpfel), purtukal (Orangen), mos (Bananen), kiui, tschausa (Nüsse), balah (Datteln), tiin (Feigen), tuut und mischmisch (Brombeeren und Aprikosen - gibt’s noch keine aber sie haben klingende Namen;) ) für unser Morgenfit-Müesli. Flöckli sind hier leider fast unerschwinglich… (aber wir kriegen ja bald Besuch aus der Schweiz;) )

9:20h Wir lernen die Jahreszeiten, Monate, Wochentage und weiteres nützliches Arabisch-Voci.

10:30h Der eine von uns hat Stunde und läuft eine nisif saa (eine halbe Stunde) erst durch das tropfende Dimaschq kadima (die Altstadt von Damaskus) und dann durchs christlische Viertel hinter Bab Sharki, dem Osttor Damaskus’. Das Gehen gleicht eher einem den-Pfützen-von-unten-und-Tropfen-von-oben-aus-dem-Weg-Hüpfen.

Der andere sitzt direkt vor unserem Elektroöfelchen, bewegt sich möglichst wenig weg davon und büffelt fleissig weiter Vokabeln - saif (Sommer), charif (Herbst), as-sabt (Samstag, der hiesige Montag)…

11:15h Unsere Gastgeber aus Idlib (vgl. den Artikel ‘Überwältigt’) telefonieren: ‘Do you need anything?’ When do you come to visit us? Idlib misses you!’ Und zum zigten Mal antwortet der andere ‘Thank you very much, we don’t need anything. We can’t come to visit you, we have Arabic lesson everyday. But we are happy to let you know when we pass Idlib.’

11:48h Der Chor der Muezzine der nahe gelegenen Omayadenmoschee ruft. Freitags erfreut uns sein ‘Gesang’ zu dieser Zeit jeweils während zwei vollen Stunden.

12:30h Zeit, das Arabisch auf der Strasse anzuwenden: Der andere von uns mischt sich unter die Leute und holt sich eines der begehrten ‘französischen Croissants’ mit Käsefüllung. Sie sind noch ofenwarm… Leider können weder Montag oder Donnerstag, noch Januar oder Juli in die Bestellung integriert werden;)

13:00h Die Sonne zeigt sich. Erfreut verlegt der andere von uns seinen Lernplatz auf unsere arabische Terrasse mit Blick auf die Omayadenmoschee, den Berg Kassioun und den verschneiten (!) Antilibanon im Hintergrund.

14:00h Der Generator der Omayadenmoschee beginnt zu dröhnen. Die Viertel von Damaskus rotieren im Zwei-Stunden-Rhythmus mit ‘ma fi kahruba’ (es gibt keinen Strom).

15:00h Der eine kommt nach Hause und setzt sich zum anderen auf die Terrase.

15:53h Der Chor der Muezzine der nahe gelegenen Omayadenmoschee ruft. - Selbst bei äusserster Stromknappheit sind die Lautsprecher auf ‘überlaut’ eingestellt.

16:00 Der Generator hört auf zu plären.

16:30h Der andere macht sich auf durch das nun lebendige Dimaschq kadima in die Stunde zur Lehrerin, die auch hinter Bab Sharki wohnt.

17:36h Der Chor der Muezzine der nahe gelegenen Omayadenmoschee ruft.

17:40h Die Sonne geht unter. Der eine setzt sich wieder vor den wärmenden Elektroofen.

17:45h Zack, nun ist unser Quartier an der Reihe mit ‘ma fi kahruba’.

17:50h Der eine setzt sich in ein nahe gelegenes, gemütliches Café. Er wird vom wireless vom Arabisch lernen abgelenkt.

18:52h Der Chor der Muezzine der nahe gelegenen Omayadenmoschee ruft - heute zum letzten Mal.

19:00h Der andere gesellt sich zum einen ins Café.

19:30h Unser Tandem-Partner stösst zu uns und der andere stellt sich zum zigten Mal auf Fussha (Hocharabisch) vor, fragt ihn wo und was er studiert und wie er den heutigen Tag verbracht hat, für weitergehende Gesprächsthemen reicht der Wortschatz des anderen noch nicht aus. - Aber irgendwann soll dann über die letzte Al-Jezira-Sendung diskutiert werden;) Sobald unser Tandempartner an der Reihe ist, erklären wir ihm komplexe Wörter wie ’stuntman’ oder ‘evoke’. Richtig, die Diskrepanz zwischen den Arabisch- und Englischsprachkenntnissen ist enorm;) Nebst Sprachbasics erfahren wir vom gelernten Juristen eine Menge spannender Kleinigkeiten aus Alltag, Politik und Kultur sowie über den hiesigen ‘Rechtsstaat’.

21:30h Wir verabschieden uns und werden für’s nächste Mal zu ihm nach Hause eingeladen.

22:00h Zuhause ist die Elektrizität zurück. In der Zwischenzeit haben wir eine Sms von unseren Gastgebern aus Idlib erhalten. Am Freitag habe ganz Syrien ‘Urlaub’, wir sollen sie doch besuchen kommen.

 

Kein Tag ist wie der andere im lebendigen Damaskus - so gibt’s alleine schon über 100 verschiedene Wege durch die verschlängelten Gassen und Souks von unserem Haus zum Bab Sharki zu gelangen;) - abgesehen von ein paar Konstanten: dem Chor der fünf mal täglich zum Gebet rufenden Muezzins und dem Telefonat und/oder Sms unsere Gastgeber aus Idlib mit der Frage ‘Do you need anything?’ und ‘When do you come to visit us? Idlib misses you!’.


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