Bürokratiedschungel

24 02 2009

Heute über die unergründlichen Wege der Bürokratie.

Wir wollen unser syrisches Visum verlängern lassen. Und gehen dafür zum Immigrationsbüro. Dort wimmelt es von uniformierten Beamten, von denen jeweils die Hälfte zusieht wie die andere Hälfte mehr oder weniger engagiert stempelt, schreibt, überträgt, organisiert, erklärt, etc. Gleichzeitig wimmelt es von Menschen, mit Pässen, Fotos, Dokumenten in der Hand, die von einem Zimmer ins nächste geschickt werden und alle gleichzeitig etwas von der anderen Hälfte der Beamten wollen. Der nun folgende Prozess der Visaverlängerung wird in 11 einfachen Schritten erläutert. Um das Folgende besser nachvollziehen zu können, stellt euch das Ganze doch als Leiterlispiel vor;):

Vorwärts auf Start:

1. Rein ins Zimmer Nr. 1, sich unter wackerem Ellenbogen und Schultereinsatz zum Schreibtisch vordrücken und von Beamte Nr. 1 ins Zimmer Nr. 2 geschickt werden.

2. Im Zimmer Nr. 2 sich unter wackerem Ellenbogen und Schultereinsatz zum Schreibtisch…  an Beamte Nr. 2 wenden, der leider des Englischen nicht mächtig ist und uns deshalb weiter zu Beamte Nr. 3 mit Englisch-Kenntnissen schickt.

3. Unter wackerem Ellenbogen und Schultereinsatz zum…, Beamte Nr. 3 das Anliegen erklären, erfahren, dass man Passkopien, eine Marke und ein Einlageblatt braucht.

Pech gehabt: Zurück zum Start.

4. Raus aus dem Gebäude, Passkopien machen und Marke holen.

5. Wieder rein ins Gebäude unter wackerem Ellenbogen und Schulter… zur Réception, dort Beamte Nr. 4 gegen Geld ein Blatt Papier mit allerlei arabischen Schriftzeichen erstehen.

6. Zurück zu Feld 3. Unter Anleitung von Beamte Nr. 3 (derjenige mit Englisch-Kenntnissen), das soeben erstandene Blatt Papier mit Name, Vorname, Name des Vaters, Name der Mutter ausfüllen. Dann unter wackerem Ellenbogen… zu Beamte Nr. 5, Herrscher über den einzigen Computer der Lokalität, geschickt werden.

7. Unsere Namen werden vom soeben ausgefüllten Blatt in den Computer abgetippt. Anschliessend erhalten wir von Beamte Nr. 5 zwei Stempel und eine Unterschrift und werden dann zu Beamte Nr. 6 weitergeschickt.

Hier wären wir wegen mangelnder Geduld beinahe weggegangen und hätten damit später wieder auf Feld 1 beginnen müssen.

8. Unter wackerem… zu Beamte Nr. 6. Dieser schreibt unsere Personalien sowie das Gesuch um eine Visa-Verlängerung auf Arabisch auf oben erwähntes Formular und unterschreibt seinerseits. Weiter zu Beamte Nr. 7 in Zimmer Nr. 4. (Was tun bloss all die Leute in Zimmer Nr. 3? Haben wir etwa einen Schritt übersprungen?)

9. Hier, anscheinend beim Chef, erhalten wir ohne Ellenbogen und Schultereinsatz eine weitere Unterschrift, dass das bisher Geschriebene in Ordnung sei. Zurück zu Beamte Nr. 3 in Zimmer Nr. 2.

10. Nun gibt es Stempel und Unterschriften in unsere Pässe. Unter… zurück zu Beamte Nr. 7 in Zimmer Nr. 4.

11. Nach einer weiteren Unterschrift in den Pass ist es geschafft.

Alles hat wie am Schnürchen geklappt! Wer sagt denn, die syrische Bürokratie sei nicht effizient?

Abkürzung für Frauen (von kediabbyssinia, für den nachfolgenden Besuch der iranischen Botschaft mit Mantel und Kopftuch ausgerüstet, unfreiwilliger- und unfreudigerweise festgestellt) : Frau komme mit Mann, verhülle sich in einen Hejab (womit sie nicht mehr als eigenständiges Individuum sondern als Anhängsel des Mannes wahrgenommen wird), und warte vor der Tür bis dieser Schritte 1-11 durchlaufen hat.



Gastfreundlicher Empfang in Damaskus

18 02 2009

Wir sind mit Petrolio problemlos, wenn auch teurer als erwartet, in Syrien eingereist und leben nun während der nächsten fünf Wochen in einer kleinen Wohnung mitten in der Altstadt gleich hinter der Omayaden-Moschee.

 

Um unsere Sicherheit steht es bestens: In der zweiten Nacht - damals noch im Sidi „auf der Strasse“ - nimmt sich nämlich der syrische Staat diesem, uns zwar noch nicht negativ aufgefallenen, scheinbar ernsten Problem an. Um 18h polt… ehm, klopft es an die Tür unseres mobilen Zuhauses und wir werden ohne grosse Einleitung nach unseren Pässen gefragt. Nachdem wir dem Antragsteller aufgrund dürftiger eigener Ausweispapiere zuerst nur unsere IDs geben, werden wir - überzeugt von seiner Ordnungsfunktion nur durch die Uniform des Begleiters - zur weiteren Abklärung und zu einem Kaffee auf den naheliegenden Posten gebeten. Trotz erahnbar begrenztem Abklärungserfolg - keine gemeinsame Sprache - ist danach scheinbar alles „no problem“ und wir gehen beruhigt schlafen. 

Offensichtlich findet dann anschliessend die nächste Hierarchiestufe, dass wir allzu dürftig empfangen worden seien und unser Schutz mit den wenigen Informationen nicht garantiert werden könne. Folgerichtig werden wir um 22.30 Uhr von mind. 10 Polizisten neuerlich zu einem Tee „eingeladen“ und fühlen uns nun auch gebührend ernst genommen. Die liebenswerten Beamten (nun mit Dolmetscher) nehmen sich anschliessend mindestens eine Stunde Zeit, um nach einem ausgeklügelten Fragekatalog unser Schutzbedürftigkeitsprofil zu erstellen. Wir sind tief beeindruckt von der Professionalität, mit der sie allerlei Informationen erfassen, um uns den Aufenthalt in Syrien so angenehm wie möglich zu gestalten. Wer hätte z. B. gedacht, dass die Tatsache, dass wir in Aqaba keinen Bootsausflug unternommen haben, für unsere Sicherheit hier in Damaskus relevant ist? Ihr seht, für uns ist bestens gesorgt und die so erfahrende Aufmerksamkeit erfüllt uns mit aufwühlender Dankbarkeit gegenüber der hiesigen Regierung.



Ausgehen in Amman

12 02 2009

In Amman in einem sehr gemütlichen Café zwischengelandet und erst nach drei Tagen wieder losgekommen, treffen wir ein paar einheimische Medizinstudis, die uns am Freitag Abend zu einem Bar- und Clubbesuch inkl. vorgelagerter Stadtrundfahrt einladen. Einige der Highlights:

Erster Teil: Stadtrundfahrt
In einem der exklusivsten Viertel sehen wir millionenschwere aber häufig leerstehende Villen aus 1001 Immobilienspekulation inkl. der dazugehörenden protzigen Limousinen. Hier verdient man eindeutig kein Geld - hier hat man es.
Underdressed-Level: Beträchtlich, aber im Auto nicht auffallend.

Zweiter Teil: Irish Pub
Wir werden in ein original Irish Pub mit dunklem Bier und Fussballleinwand mitgenommen. Unsere Anführer scheinen eine Menge Leute zu kennen, denen wir vorgestellt werden. Wahrscheinlich macht es sich für sie auch nicht schlecht ein paar “verrückte” Schweizer, die mit dem Camper unterwegs sind, zu präsentieren. Der Chef ist “zufälligerweise” ein guter Freund unserer zwei Studenten und wir (und die ganze Gruppe) erhalten alles spendiert, wobei er natürlich ein paar (übrigens durchaus ernst gemeinte) Komplimente über Land und Leute gerne entgegennimmt.
Underdressed-Grad: Beträchtlich und auffallend.

Dritter Teil: Eight Club
Wir fahren - oder besser gleiten - im wohl spritdurstigsten Offroader, in dessen hochgelegenen Ledersitzen meine Wenigkeit jemals versunken ist, zu einem privaten Club in dem für eine Runde Champagner der durchschnittliche Monatslohn des armen Parkplatzwächters, der unten den Mercedes bewacht, bezahlt wird. Der oben erwähnte Chef des Irish Pubs kennt “zufälligerweise” die Betreiber dieses Edelschuppens und nur deshalb kommen wir überhaupt rein und auch hier alles spendiert. Wir übernehmen gekonnt die Rolle der zurückhaltenden Schweizer und beobachten das Gebaren des Ammaner Establishments. Die Musik lässt die Trommelfelle krachen und es wird teilweise hemmungslos, unzweideutig, hautnah getanzt. Alles ist erlaubt, alles ausser Küssen. Zu unserem grossen Amusement, werden Paare, deren Lippen sich im Tanzrausch allzu nahe kommen, per dezentem Ärmelzupfen an die guten Sitten erinnert.
Underdressed-Grad: Nicht zu überbieten.

Zurück in der Welt der Normalsterblichen mit täglich 3.- CHF für Nahrung anstatt Champagner und Schubkarren anstatt Ferrari ist die Erfahrung irgendwie unwirklich aber gerade deshalb auch wertvoll. Wer diese zerrissenen Gesellschaften hier verstehen will, muss beide Seiten wahrnehmen.



Unser erster Sandstreifen …

5 02 2009

Wir haben von Hans und Doris (siehe Reisende) einen super Tipp für einen Schlafplatz ganz in der Nähe des Wadi Ramms bekommen. Ebenso schön, aber ohne Eintrittsgebühren und statt alle fünf Minuten nur alle zwei Stunden ein lärmender Offroader, der die Sanddünen zu erklimmen versucht, das klingt auf jeden Fall vielversprechend. Das einzige kleine Sandfeldchen hätten sie noch ohne Allrad und ohne die Luft anzuhalten locker durchfahren. Wir können auf jeden Fall nicht widerstehen.

Bei besagtem Sandfeld holen wir Schuss, schnaufen tief ein, fahren rein, schalten zurück, schnaufen schnell noch tiefer ein, hören ein Kratzen am Boden, schauen uns an, schnaufen aus und … stehen dann still. Als sich die Staubwolke verzogen hat, stellen wir fest, dass wir immerhin die Hälfte geschafft haben - und das gleich bei unserem ersten Sandfeld! Nun ja, einmal muss das ja passieren, sagen wir uns, und schauen uns die Bescherung an. Tatsächlich waren nicht die Räder das Problem, aber unser Sidi - wie allen bekannt für schnelle Kurvenfahrten ausgelegt - weist eine unglaublich geringe Bodenfreiheit auf. Der Motorblock versinkt tief im Sand, was eine deutlich spürbare Bremswirkung zur Folge hat. Da hätten wir noch so schnell hineinfahren können und wären wohl kaum weiter gekommen.

Nun denn, das Schaufeln ist des Wüstenfahrers Lust aber da haben wir uns ebenfalls wieder verschätzt. Kaum haben wir Warm-Up und Dehnen hinter uns, tatkräftig in die Hände gespuckt und die Schaufel in festem Griff, kommen ein paar Beduinen angeritt … hm … angefahren und ziehen uns ohne Umschweife aus dem Sand. Und wie das hierzulande so geht, kommen wir anschliessend gleich noch in den Genuss eines Glases warmen mit ein wenig teearomatisierten Wasser versetzten Zuckers. Glück gehabt.

Der Platz entspricht übrigens den Erwartungen vollumfänglich. Den nächsten Tag entdecken wir wandernd und kletternd eine wiederum wunderschöne Landschaft.

Beim Zurückfahren kommt dann unsere Schaufel doch noch zum Einsatz - jedoch diesmal vor statt nach der Durchfahrt, nämlich zum Abtragen der obersten Sandschicht.



Abfall

4 02 2009

Abfallentsorgungskonzept am Beispiel der gemeinen Einkaufsplastiktüte

Die Umsetzung des nachfolgend beschriebenen Konzepts zur Entsorgung von Einkaufstüten haben wir in Variationen während unserer ganzen Reise beobachten können. Hier in Jordanien ist es uns nun gelungen durch eingehende Analyse und Beobachtung das System in seiner ganzen Komplexität zu erfassen. Im Folgenden will ich gerne versuchen euch die Grundprinzipien zu erläutern.

 

Grundvoraussetzung für die Anwendung aller nachfolgenden Tipps: KEIN UMWELTBEWUSSTSEIN (zumindest nicht bezüglich Abfall). 

Tönt ganz einfach und ist dennoch für den Durchschnittsschweizer recht schwierig umzusetzen. Die Einheimischen haben hier unbestreitbare Vorteile, sind sie doch von einer diesbezüglichen Sensibilisierung während ihrer Kindheit völlig unbelastet - eine Hypothek, die für durchschnittlich sozialisierte Eidgenossen trotz typischerweise grossem Einsatz nicht wettgemacht werden kann.

Weiter hilfreich ist ausserdem der Glauben an die unbegrenzte Dreckaufnahmekapazität unseres Planeten. Dies ist allerdings eher für Schweizer relevant und für Einheimische weitgehend vernachlässigbar, weil sich letztere aufgrund den im oberen Abschnitt erläuterten Gründen kaum diesbezügliche Überlegungen machen.

 

Kommen wir nun wieder zum eigentlichen Problem, die Entsorgung:

Tipp 1: Damit man die Tüten überhaupt entsorgen kann, muss man zuerst welche haben. Geeignet zur Beschaffung des Abfallrohmaterials sind Supermärkte, ja eigentlich alle Örtlichkeiten, in denen man Ware verstauen muss. Es ist ganz einfach: Möglichst jeden Gegenstand einzeln in eine Plastiktüte abfüllen und schon verfügt man über beachtliche Entsorgungsmasse. Für Anfänger stehen meistens geübte Abpacker bereit, die zudem meistens die fortgeschrittene Technik des Verpackens schwererer Gegenstände in gleich zwei Tüten anwenden können.

Tipp 2: Die ersten Tüten können noch im Auto entsorgt werden. Hat man nämlich vorsorglich die Tüte mit den Salznüsschen gleich mit nach vorne genommen, kann sie unmittelbar nach dem Anfahren aus dem Fenster geworfen werden. Auf diese Weise hat auch die Stadt etwas vom lustigen Davonflattern. 

Tipp 3: Und nun zum entscheidenden Ratschlag. Zur Entsorgung der restlichen Tüten, fährt man am besten mit der ganzen Familie an den Strand zu einem grossen Pique-Nique. Bei dieser Gelegenheit flattern die Tüten, lässige Unachtsamkeit vorausgesetzt, zur Freude der Kinder zu Dutzenden davon und man kann ihr fröhliches Tanzen im Wind noch jahrhundertelang geniessen.

 

Viel Spass.

 

Achtung: Dieser Beitrag ist keinesfalls diskriminierend wohl aber ironisch gemeint. Es ist uns völlig bewusst, dass nicht alle Einheimischen ihren Müll liegen lassen, gemessen an den Müllbergen an jeder Ecke dürfte es jedoch eine genügend grosse Mehrheit sein, um diesen Artikel zu rechtfertigen.