Politische Betrachtungen

30 12 2008

 

Wir sind nun das ganze Jordantal bis zum Toten Meer und danach weiter durch‘s Wadi Araba bis nach Aqaba gefahren und hatten dabei ausgiebig Zeit uns über die historische, geografische und politische Bedeutung dieses Landstreifens bewusst zu werden. 

Wir haben die Uferpromenade von Tiberias am See Genezareth und die Lichter Jerusalems gesehen und sind von der Nähe zu diesen geschichtsträchtigen und geopolitisch äusserst bedeutenden Orten sehr fasziniert. Beeindruckend ist dabei nicht in erster Linie die geografische Nähe, sondern das Erleben/Erfahren der Dimension der ganzen Region vor dem Hintergrund des Israel-Palästinakonflikts. Sicherlich wussten wir, dass Israel und das Westjordanland nicht gross sind, aber erst hier wird uns in aller Deutlichkeit bewusst, wie ausgesprochen kleinräumig dieses so dermassen bitter umkämpfte und umstrittene Gebiet wirklich ist. 

Ebenso bekannt war uns die strategische Bedeutung der Golanhöhen. Ohne die Besetzung in irgendeiner Art und Weise legitimieren zu wollen, können wir nun nachfühlen, dass Israel dieses Gebiet, von dem aus halb Nordisrael bequem überblickt - oder auch beschossen - werden kann, nur in freundlich gesinnte Händen zurückgeben will. Damit zusammenhängend und durch den Wechsel zwischen bewässerten und somit äusserst fruchtbaren Feldern und der ansonsten staubtrockenen Wüstenlandschaft eindrücklich verdeutlicht, ist die Bedeutung des Wassers und der Kontrolle seiner Quellen für alle beteiligten Staaten.

 

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Bild: Bethany beyond the Jordan, der einzige Ort, wo man an den Jordan - infolge massive Wasserentnahme zwecks Bewässerung ein dünnes Rinnsal ohne nennenswerte Strömung - gelangen kann. 

 

In den letzten Tagen bekommt nun die beschriebene Faszination einen schalen Beigeschmack in Form von Raketen von der einen und Bomben von der anderen Seite in Südisrael respektive dem Gazastreifen. Ich denke nicht, dass hier der Platz für eine weitere Polit-Analyse sein soll, davon haben alle Interessierten und Betroffenen mehr als genug. Nur so viel: Ich lese im Moment gerade „Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft“ von Hans Küng (Die Goldene Regel: „Was du nicht willst, dass man Dir tut, das füge auch keinem anderen zu.“) und kann den Verantwortlichen auf beiden Seiten das Buch wärmstens empfehlen.



Perspektivenwechsel

28 12 2008

Wechseln wir für einmal die Perspektive und versetzen uns in die Rolle des Parkwächters Muhammed (Name der Redaktion bekannt) der Jesus Baptist Site im Jordantal. 

Da kommt - es ist schon finster - plötzlich ein seltsames weisses Gefährt mit grossen Fenstern und zwei uralten Velos daher und die Insassen - zwei ca. 19 und 22 jährige Touristen fragen nach einem Schlafplatz. Wobei fragen ist nicht ganz der richtige Ausdruck. Nach einem perfekten Masa al cher (guten Abend) tröpfeln die Worte ohne jeglichen grammatikalischen Ballast fast so bescheiden wie der beinahe trockengelegte Jordan daher. Immerhin lächeln sie sehr nett und da man sie ja nicht gut wegschicken kann und es hier ja auch niemanden stört, weist man ihnen den Wegrand vor dem Eingang zu. 

Später, sie scheinen mit dem Platz ganz zufrieden zu sein, möchte man doch gerne wissen, was es mit den beiden auf sich hat und schliesslich sind die beiden ja Gäste in Jordanien. Also bietet man ihnen einen Tee an. Die beiden erscheinen bald darauf dick eingepackt, die Frau hat sogar so ein komisches Kopftuch aus Wolle mit Ohrenschutz und mit Zotteln obendrauf. Vielleicht denken sie weil es Winter ist, schneit es hier auch bei +15 Grad. Naja, das soll mich in meinen Sandalen nicht stören. Ausserdem haben sie kleine Bücher dabei und können anscheinend doch ein paar Wörter Arabisch wobei sie lustigerweise ständig zwischen Hochsprache und Dialekt hin- und herwechseln. Ganz spannende Leute die beiden. Verheiratet aber weder Ehering noch Kinder und nun wollen sie in Syrien Arabisch lernen. Offensichtlich sind sie auch ganz begeistert von Jordanien, sehr gut! Eigentlich sind sie aber arme Kerle. Ständig schlafen sie in einem Auto, die anderen Ländern haben wohl keine Ahnung von Gastfreundschaft, hier geht das so nicht. Nur, was machen? Heute schlafe ich hier und kann sie also nicht für die Nacht einladen. Die Lösung: 1. sie morgen zum Mittagessen einladen. 2. Heimlich den Security Manager anrufen, der soll sie abholen kommen und sie bei sich aufnehmen. 

 

So geschehen am Abend  des 22. Dezembers 08. Wir können die Einladung des Managers nicht ohne beleidigend zu sein ablehnen und schlafen in den Betten seiner - im voraus auf Decken am Boden ausquartierten - Kinder. Am nächsten Tag, nach der ausnahmsweise gratis Besichtigung lädt uns dann der Nachtwächter zum Mittagessen ein, bei dem wir die sehr herzliche, neugierige  und wiederum beeindruckend gastfreundliche Grossfamilie kennenlernen, ein traditionelles und ausgezeichnet schmeckendes Beduinengericht essen und den zuletzt zugungsten der Hochsprache vernachlässigten Dialekt sprunghaft verbessern.

 

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Aktuell sind wir in Aqaba und können hier sogar baden. 

 



Sidis Geländefahrt

27 12 2008

Und das kam so: Nach einem problemlosen - sofern man über 200.- CHF Zoll-, Strassen-, Versicherungs- und sonstigen Gebühren nicht als Problem bezeichnet - Grenzübertritt sind wir jetzt in Jordanien. Am ersten Abend fahren wir nach Um Quais ganz im Norden. Hier werden wir von einem Touristenpolizisten empfangen und sehen uns alsbald einem freundlichen, perfekt Englisch sprechenden Offizier und einem Gläschen heissem - „wahrnehmbar“ süsser als gewohnten - Tee gegenüber. Wir plaudern angeregt, betonen nachdrücklich wie gut uns Jordanien in den wenigen Stunden unseres Aufenthaltes gefallen hat und erhalten im Gegenzug einige gute Tipps und vor allem einen Schlafplatz in unübertreffbarer Lage inmitten der Ruinen im Innenhof eines osmanischen Hauses direkt hinter dem Polizeiposten.

So weit so gut. Die Krux ist das Hinfahren. Dazu muss festgehalten werden, dass der Sidi, in vollem Bewusstsein seiner zahlreichen Stärken, für eines nicht gebaut ist: Offroadstrecken. Kein Wunder also, dass mir schon in der Anfahrt zur immer steiler werdenden Rampe Böses schwahnt. Die drei mitfahrenden Touristenpolizisten bestaunen noch arglos unser wie immer - den Umständen entsprechend - perfekt aufgeräumtes und blitzblankes Mobiliar, als der Sidi im subjektiv schon fast überhängenden Gelände immer leiser und leiser wird und dann nach abruptem Wechsel vom Gas- auf’s Bremspedal zum Stehen kommt. Tja, meine Herren nun heisst’s im besten Fall aussteigen, ev. sogar schieben. 

Ich merke, ich werde zu lange. Langes Schreiben, kurzer Sinn: im dritten Anlauf haben wir es grad so geschafft und eine sichere Nacht inmitten vieltausendjähriger Geschichte verbracht. Bemerkenswert auch, dass man hier von der Polizei etwas positives erwarten kann. Dies war beileibe nicht in allen bisher besuchten Ländern der Fall.



Damaskus

15 12 2008

Ironie der Geschichte: In einem der weltweit am längsten permanent besiedelten Orte, hausen wir nun seid beinahe zwanzig Tagen in unserem Sidi. Nicht dass uns das nicht gefällt, aber es ist uns bewusst, dass wir damit dem zivilisatorischen Anspruch der Stadt kaum gerecht werden. Auf der anderen Seite wissen wir, dass in der hier herrschenden Kälte, die für die sommerliche Hitze gebauten Häuser keineswegs komfortabler sind. Dies umso mehr, als unser Sidi uns seit kurzem dank einer neuen Batterie auch wieder Licht und Wärme spendet. Die alte Batterie war hinüber und wir sassen ein paar Tage, trotz ausgedehnten Batterieaufladeausfahrten, im Dunkeln und Kalten und konnten diesen Zustand, infolge des Eid al-Adha (Ende des Hadj) und dem damit zusammenhängenden Totalstillstand der ansonsten quirligen Stadt, nicht ändern.

Anyway, wir können in der Zwischenzeit das arabische Alphabet entziffern und aussprechen, und weben ansonsten fleissig an unserem Netzwerk, das uns neben netten Menschen mit vielen Tipps und Tricks eines schönen Februar- oder Märztages zu einer möglichst spannenden Arbeitstelle, sowie vielleicht trotz Sidi zu einem erschwinglichen Zimmer verhelfen soll. Wenn wir nur wüssten, wie wir es dem Sidi sagen sollen, dass wir auf seine Dienste vorübergehend zu verzichten gedenken. Wir suchen noch die nach Möglichkeit diplomatischmitfühlendoffenschonendsowiegleichzeitigwerschätzungausdrückenden Worte. Ihr seht, nicht ganz einfach.

Bis zu dieser schwierigen Ankündigung werden wir aber in ein paar Tagen nach Jordanien fahren, dort liebe Freunde und Familie treffen und können uns dann die genaue Formulierung noch überlegen.

Noch etwas zur Stadt. Damaskus ist überraschend modern und in einigen Quartieren sogar westlicher als der Westen. Designermenschen (Frauen häufig mit Designerkopftüchern) fahren in Designerlimousinen von ihren Designerboutiquen zu einem Designer LatteMachiatto in einem Designercafé, das ein biederes Starbucks auch und gerade bezüglich Preisen erblassen lässt.

Gleichzeitig gibt es da die grosse historische Altstadt mit kleinen Gassen und einem grossen, quirligen, mal wohlriechenden mal stinkenden Basar, wo man viel Zeit hat und alles finden und verhandeln kann. Allerdings entspricht der Basar nicht ganz der „orientalischen“, verwinkelten und farbenfrohen Vorstellung, den z. B. Marokkokenner so schwärmen. Das Wirrwarr ist zumindest teilweise autogängig, rechtwinklig und ausgeschildert, und die Läden sind zum Teil relativ grosszügig und modern beleuchtet. Fährt man weiter weg vom Zentrum kommt man nach einer normal-grauen Übergangsphase relativ schnell von der Designer- in eine schmutzige und sehr arme Welt. Hier leben diejenigen, die weder die „richtigen“ Beziehungen, noch das „richtige“ Business (was meistens wohl einher geht) haben.

Wie schon teilweise in der Türkei ist das gleichzeitige Neben- und Miteinander von so völlig verschiedenen Milieux verblüffend und macht wohl den Reiz der Stadt aus, dem wir uns nicht entziehen können. Wir können uns denn auch gut vorstellen hier einige Monate Arabisch zu lernen und - Inschallah - zu arbeiten.



Überwältigt

4 12 2008

Gastfreundschaft auf Syrisch:  Drei Mal haben wir mit unserm Petrolio angehalten - und drei Mal wurden wir umgehend beschenkt: von frischem chubz (Brot) über shai (Tee) bis zu einem Abendessen (asha) all inclusive. Oder ‘Was Geldwechseln alles für positive Nebeneffekte mit sich bringen kann’:

In Idlib, der nächsten grösseren Stadt nach der Grenze, wollen wir syrische £ erwerben, was anfänglich einerseits an unseren weitgehend fehlenden Arabischkenntnissen und andererseits - noch entscheidender - an den bereits geschlossenen Banken scheitert. Unverhofft nehmen sich zwei Englisch sprechende syrische Studenten unser an. Sie steigen gleich hinten ein und lotsen uns zu einem first class Hotel. An Geld wechseln ist da zwar bis auf weiteres nicht zu denken - das hiesse diese beiden schlecht kennen. Zuerst einmal laden sie uns also zu einem Tee ein. Anschliessend gehen wir in die hoteleigene Bank. Ende der Geschichte? Mitnichten, die fängt erst an. Sie laden uns zu sich auf’s Land ein. Wir fahren 30km in der Dämmerung zwischen Oliven- und Kirschenplantagen und durch kleine Dörfchen. Erst bittet uns der eine zu sich zum Tee - ein lokales Sängertalent gibt arabische Klassiker zum Besten während wir im Gegenzug den minim trockeneren Mani Matter zupfen und singen. Schliesslich werden wir vom anderen zu geschlechtergetrennter Plauderstunde und anschliessendem Abendessen mit dem Hausherr und unserem Gastgeber, seinem Sohn, eingeladen. Die Grossfamilie lässt sich jeweils mit vielen Freunden - und herbeitelefonierten Englisch- bzw. Französischlehrern (zwecks Vereinfachung der Kommunikation) - in einem mit Teppichen ausgelegten Zimmer auf Matrazen und Kissen nieder. Dann wird Tee serviert und über Familie, Kinder, Beruf, Lebenshaltungskosten, unseren Camper (und wieviel er denn gekostet hat), die Reiseroute und vieles mehr geplaudert. Auch Politik ist ein Thema, so wissen wir jetzt, dass der junge Präsident höchst verehrt wird (”We love, love, love our President very, very, very much”) und in diesem Arbeiterparadies (Arbeitszeit 9h- 14.00h) alles gratis (Spitäler, Schulen, etc.) ist, und dies ohne Steuern zu bezahlen!! Unnötig zu sagen, dass wir ob dieser werbetechnischen Meisterleistung der Staatsmedien äusserst beeindruckt sind. Zum Essen wechseln wir in ein ähnlich ausgestattetes Zimmer, setzen uns auf Kissen am Boden und essen ein feines, traditionell arabisches Gericht. Nach vielen äusserst herzlichen Plauderstunden und grossem Interesse erklären uns unsere Gastgeber, dass es nicht in Frage komme, uns draussen im Camper schlafen zu lassen. Wir schlafen schliesslich im Gästezimmer.

Syrische Gastfreundschaft wie aus dem Bilderbuch, und dies bereits an unserem ersten Abend in diesem Land. Wir sind schlicht überwältigt.

Tags darauf besuchen wir mit unseren beiden studentischen Freunden die Uni. Wir werden den ganzen Morgen von einem Büro zum nächsten komplimentiert und verschiedenen wichtigen, wichtigeren und weniger wichtigen Menschen etc. vorgestellt. Erstaunlich wie viele “Präsidenten” es in diesem kleinen Institut gibt! Alle sind sie höchst erfreut und nehmen sich Zeit mit uns zu plaudern und uns in ihrem Land herzlich willkommen zu heissen (ahlan ve sahlan). Dabei trinken wir Tee, Tee und nochmals Tee. (Unsere beiden Begleiter finden dies übrigens sehr lustig, da wir ja auch Kaffee wählen könnten - würden wir dies denn mögen;) ). Schliesslich verabschieden wir uns von unseren neuen Freunden, nicht aber ohne versprochen zu haben, sie nochmals zu besuchen und uns beim kleinsten Problem bei ihnen zu melden. Sie würden zweifellos ohne zu zögern nach Damaskus fahren.

Anschliessend fahren wir völlig erschöpft weiter. Gast sein ist eine unvergessliche Erfahrung aber auch sehr anstrengend. Wir stehen pausenlos im Mittelpunkt, die Wünsche werden uns förmlich von den Augen abgelesen, was auf Dauer ermüdend wird, weil wir - mit dieser Kultur noch wenig vertraut - ständig abschätzen müssen, was, in welcher Situation angebracht ist, und was nicht. Äusserst beeindruckt hat uns der aufrichtige Respekt, welcher uns - ungeachtet von Herkunft, Religion oder Ansichten, kraft unseres “Gast seins” entgegengebracht wird.