Istanbul

6 10 2008

Merhaba

Wir sind da und der erste Kontakt ist uns iyi (gut) gelungen.

Ca. 40km vor der Stadt und weit von der entsprechenden Markierung auf der Karte stellen wir fest, dass die Kleinstädte (jeweils so um die 200′000 Einwohner) plötzlich lückenlos aufeinander folgen. Nach weiteren 20km stocken wir im Verkehr, Hügel über Hügel durch einen zunehmend dichten urbanen Dschungel. Wir haben so erzwungenermassen genug Zeit zu erfassen, um welche Grössenordnung Stadt es sich handelt: 16 Millionen Einwohner. Wir waren beide schon im viel grösseren Mexiko City aber das hier ist zumindest für mich gerade so beeindruckend, man fühlt die Menschenmasse irgendwie besser.

Nach dem kyrillischen Bulgarien ist daher tröstlich nun die Schilder wieder lesen zu können. Dank unserer guten Nase erwischen wir die wohl beste Einfallstrasse (am Meer) und fahren frech mitten ins Zentrum. Dort fragen wir in einem Hostel nach billigen Standplätzen und stehen seither grad hinter der Blauen Moschee und Hagia Sophia in einer von einem sympatischen Typen bewachten Häuserlücke alias Parkplatz. Wir haben im Sidi alles was wir brauchen (sogar Internet), und bezahlen dafür bescheidene 9.- CHF pro Tag. Das gesparte Geld investieren wir seither wacker in türkische Süssigkeiten ‘Baklava’ (nach mehreren intensiven Testreihen als geeigneter Schokoladenersatz befunden), Restaurantsbesuche und natürlich auch in die überteuerten Sehenswürdigkeiten. Die Preise sind schwer fassbar. Von wirklich billig und gut bis masslos überteuert haben wir schon alles gefunden, wobei leider der erste Fall selten, und und der zweite normal ist. Es ist halt wie an jedem Ort mit zu vielen Touristen: alles ist teuer, der Service medioker und die Freundlichkeit zum Teil eher erkauft als von Herzen.

Istanbul ist rasend schnell und beschaulich zugleich. Fast täglich gehen wir über die Galatabrücke über das Goldene Horn und regelmässig brauchen wir für die paar hundert Meter weit über eine Stunde. Diese Ecke pulsiert was das Leben hergibt. Stellt euch folgende Komposition vor: Auf der Brücke bis spät in die Nacht angeln Hunderte um die Wette. Die Ruten sind so dicht, dass wohl kaum ein Fischchen diesem Köderlabyrinth entgeht, womöglich - angesichts der trüben Brühe - auch gar nicht entgehen will. In der nächsten Reihe kann man dann diese meistens winzigen Fischchen gleich von rollenden Ständen kaufen. Keine Lust auf Fisch? Keine Angst: Hier bleibt niemand ungenährt. Im Trend sind Nüsse, Fleischspiesschen, Mais, Sandwiches und allerlei Süsses. Was vergessen? Richtig! Auch Kebabstände sind den Türken nicht ganz unbekannt. An beiden Enden der Brücke befindet sich der Fährhafen. Die Schiffe fahren wie die Autos eine Spur aggressiver als in der beschaulichen Schweiz. Kein gemütliches Ablegen und erst 200m vom Ufer weg beschleunigen, sondern Taue weg und Volldampf ahoi, da müssen die Fischer schauen, dass ihre Köder nicht auf der falschen Bugseite schwimmen. Was gibt es sonst noch zu sehen? Nun, der Mensch will ja nicht nur Essen und folgerichtig kann man weitere essentiellen Dinge auch gleich vor Ort kaufen. Alle paar Meter lobt also einer seine Gurtesammlung, präsentiert seine Nagelscheren, preist seine Küchenmesser, zieht einem in seinen Rolexladen rein, bindet seine Krawattenkollektion neu, oder lässt seine Spielzeughelikopter kreisen. So nun haben wir die wesentlichen Bestandteile und es fehlt nur noch der Ton und der Geruch. Jede Aktivität wird mit der passenden Musik - selbstredend immer ein wenig lauter als der Nachbar - unterlegt. Es hupt und schreit und jubelt und kreischt und heult und vibriert  und hornt und rumpelt und trampelt also was die Schallwellen übertragen können. Der detaillierte Beschrieb des dazugehörenden Dufts sowie des zurückbleibenden - aber in der Nacht jeweils weggezauberten - Müllhaufens will ich euch ersparen.

Vielleicht gerade ebenso faszinierend wie das beschriebene Bild ist die Tatsache, das die einzelnen Bestandteile dieses wirren, rasenden Gewimmels überaus gelassen und ruhig ihrem Geschäft nachgehen. Die Fischer, Verkäufer, Passanten wirken als Individuen völlig locker, die aus ihnen bestehende Menge hingegen eher weniger.

So vielfältig wie das beschriebene Bild sind natürlich auch die Menschen. Verhüllt, bekopftucht wechselt ab mit modern, geschminkt. Allerdings, das oben beschriebene Bild, muss leider noch mit einem dunkeln Farbton ergänzt werden. Die Akteure sind beinahe ausnahmslos Männer, die wenigen Frauen haben bestenfalls eine Zuschauerrolle. Nach 5 Tagen intensiver Feldforschung (worauf wir dank unserer 5+ jährigen Ausbildung bestens vorbereitet sind;) ) steht unser Zähler bei genau zwei unbegleiteten Frauen sowie einer Fischerin. So modern sie manchmal daherkommen, alleine bewegt Frau sich in der Altstadt-Galatabrücke von Istanbul 2008 nicht. Zynisch könnte man vermuten, dass man sie wohl nicht sieht, weil jede, die das - ev. sogar noch unverschleiert - wagen sollte unweigerlich nach kürzester Zeit männliche Begleitung erhält … Diese Tatsache hat uns für Istanbul ein wenig überrascht.

Die Leute sind sogar hier in der Metropole ungeahnt kontaktfreudig. Pro Tag werden wir mehrmals spontan angesprochen und damit meine ich nicht die Verkaufs- oder Restaurant-Schreier. Die Leute sind häufig echt interessiert und registrieren schmunzelnd und wohlwollend unsere kläglichen Türkisch-Versuche. Zumeist geben Sie uns gleich auch noch Wetter und Reisetipps aber wir bekamen von einem kleinen Händler um die Ecke auch schon spontan ein Abendessen vorgesetzt (nach günstig ausgefallener Ad-hoc Markstudie / Preisvergleich kaufen wir jetzt natürlich fleissig bei ihm ein, soviel haben wir von der hiesigen Wirtschaft begriffen:-) ). Bezüglich der Sprache: wir haben und geben uns Mühe aber Türkisch ist halt nicht Spanisch und unsere Fortschritte nach ein paar Tagen sind, wenn auch durchaus vorhanden, doch bescheiden. Nach der Begrüssung und ein paar doch relativ anspruchslosen Wörtern / Sätzchen wie “wo ist” und “wie teuer ist” (und natürlich “das ist viel zu teuer”) sind dann halt die kürzlich gelernten Wörtchen aus dem Hirni verschwunden und es folgt unweigerlich die Frage: “Do you speak English?” Wir arbeiten daran, dies noch vor dem Arabisch lernen deutlich zu ändern und nicht mehr sprachlich quasi-sprachlos wie … (frei einzusetzen: Amerikaner, Franzosen, etc) aufzutreten.

Noch eine kleine Meldung vom Sidi. Nach einigen bangen Minuten der Entzweiung von uns und unseren Autoschlüsseln bei gleichzeitig verschlossenen Türen wurde uns plötzlich der tiefere Sinn des vorher verständnislos betrachteten Lochs zwischen WC-Decke und Dachkkoffer bewusst. Fräne, trotz regem Baklava-Konsum schlank und rank, schlüpfte hindurch und ersparte uns eine mühselige und kostspielige - und dem Sidi eine schmerzhafte - Aufbrechaktion. Wir geloben in Zukunft allen nicht auf Anhieb verständlichen Dingen mehr Respekt zu zollen. Gleichzeitig haben wir den sogenannten “Baklava-Test” in unser Fitnesskontrollprogramm aufgenommen. Fehlt nur noch ein Gegenstück für mich.

Also, jetzt höre ich besser mal auf und lasse euch so noch Zeit kurz zu verschnaufen bevor ab ca. morgen neue Fotos erscheinen.

Eyvallah.


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4 responses to “Istanbul”

6 10 2008
turkishmom (16:02:33) :

Erstmal willkommen in meiner Heimat.

Ich hoffe, Ihr habt dort genauso viel Spass wie ich.

‘So modern sie manchmal daherkommen, alleine bewegt Frau sich in Istanbul 2008 nicht.’

Die Frauen kommen nicht nur modern daher, sie sind es auch - vor allen Dingen in Istanbul. Ich wurde Euch empfehlen, mal nach Levent zu fahren oder Nisantasi oder Etiler oder Maslak oder fahrt auf die asiatische Seite nach Kadikoy, Bagdat Caddesi. Dort werdet ihr sie sehen, alleine, massenweise in Strassencafe’s sitzend, Latte schlurfend, Wein geniessend. Oder einfach aus einem Burogebaeude sturmend. Wenn ihr turkische Frauen sehen wollt, die dem Shopping frohnen - wie soviele andere Frauen weltweit auch - Kanyon, IstinyePark, Cevahir oder Akmerkez sind Einkaufszentren wo ihr sehen konnt.

Was soll die ‘normale moderne’ turkische Frau den in Eminonu, auf der Galatabrucke?

6 10 2008
wiewasmeinsch (19:22:39) :

Hallo turkishmom,

Willkommen auf unserem Forum. Gerne antworte ich kurz auf deinen Kommentar.
Der Satz auf den du dich bezogen hast verdient tatsächlich eine Präzisierung, ich habe soeben Istanbul mit Altstadt / Galatabrücke ersetzt. Damit entspricht er der von uns beobachteten Wirklichkeit setzt diese aber nicht mehr in ungerechtfertigter Weise mit ganz Istanbul gleich. Die von dir genannten Orte hatten wir bis dahin noch nicht besucht. Gerade heute sitzen wir aber in einem Café in Kadiköy und sehen hier tatsächlich ein auffallend anderes Strassenbild. Um beim ironischen Spruch mit der (pseudowissenschaftlichen) Untersuchung zu bleiben, könnten wir beinahe sagen: Verschleiert bewegt sich Frau in Kadiköy / Istanbul 2008 nicht. Allerdings wäre auch dies wiederum allzu stark vereinfachend und wir belassen es darum mit der Feststellung, dass in Istanbul offensichtlich verschiedenste Welten aufeinander treffen und nebeneinander - aber nicht unbedingt am gleichen Ort - leben;)

Weitere kritische Kommentare zu unseren Türkeierfahrungen sind sehr willkommen.

Schliesslich würde uns noch interessieren, wie du diese Seite gefunden hast.

Ciao, wiewasmeinsch

6 10 2008
turkishmom (20:47:45) :

Hallo Ihr Beiden,

erstmal, ich bin ja total neidisch. Sitze ich doch ca. 3.500 km entfernt von Istanbul in Saudi Arabien.

Das Strassenbild in Istanbul hat sich uengluecklicherweise in den letzten 6 Jahren doch sehr veraendert. Sah man vor einigen Jahren kaum verschleierte Frauen - besonders solche wie auf Eurem Foto oben - sieht man sie heute mehr und mehr. Was sicher an dem Einfluss der regierenden AK Partei liegt. Leider ist es so, dass man den jungen Frauen und Maedchen glaubhaft macht, dass das Tragen eines Kopftuches eine Freiheit ist. Aber danach hattet ihr ja nicht gefragt.

Solltet Ihr Insider Tipps benoetigen helfe ich gerne. Uebrigens die weltbeste Baklava gibt es in Karakoy bei Gulluoglu, da solltet ihr auch mal die ‘Gelinbohcasi’ probieren. Zum reinlegen…

Ich bin eine Bloganfangerin und dementsprechend ganz schon wissbegierig und standig hier auf wordpress unterwegs *schaem* und durch den “Tag Surfer” bin ich bei Euch gelandet.

Viel Spass noch in Istanbul und grusse an meine Heimatstadt.

8 10 2008
kusi (13:34:32) :

Hallo dir zwoei,

Mir laese immer wieder interessiert eui Reisebrichte und hei immer Freud we wieder ae neue Bricht uf euere Site ds finde isch. Toent aues henne spannend was dir so machet und erlaebet und es macht eim grad wieder richtig reisegluschtig. Aber dae Gluscht choei mir ja im Momaent o stille, bi ues eifach eher mit Elefante und Moenche als mit verschleierete Froue u Kebabstaend.
Hoffe dir heigets guet und si natuerlech gspannt ufds Foeteli vor Fraene, wie sie duer das praktische Loch i eue Sidi ibricht… oder saeget nid das heit dir nid biudlech festghaute :) Ae liebe Gruess,
Kusi u Daniela

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