Letzter Abend in Sarajewo, wo wir statt einem schon den vierten Tag hängen geblieben sind. Und das kam so:
In Mostar wurden wir zum ersten Mal mit den Schrecken des Krieges von 1992-1995 in Bosnie konfrontiert. Die Stadt mit der wirklich wundervollen Brücke wurde weitgehend zerstört, die Frontlinien sind noch heute von Ruinen und ausgebrannten Gebäuden gesäumt.
Am Abend dann erhielten wir zum ersten Mal Gelegenheit, alle unsere Kenntnisse in Gebärdensprache auszupacken. Die Familie, auf deren Parkplatz wir uns bei Einbruch der Dunkelheit einluden, war ausgesprochen freundlich, sprach aber - Kommunismus sei Dank - neben Serbokroatisch nur Russisch, womit wir leider nicht dienen konnten. Es blieb uns wie gesagt nur die Gebärdensprache, was aber einem gelungenen Abend kaum schadete. So kamen wir in den Genuss eines ellenlangen Hochzeitsvideos und drückten selbstverständlich unsere Hochachtung vor der ebensolangen hupenden Fahrzeugkolonne mit sprachübergreifenden Ohs und Ahhhs aus. Faszinierend wie man erstens ganz plötzlich auf die Basics der Kommunikation zurückgeworfen wird und wie man sich zweitens trotzdem erstaunlich viel mitteilen kann. Zum Glück haben wir schon ein wenig „Tabu“-Erfahrung.
Und nun eben, Sarajewo. Was soll man dazu sagen? Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: die Stadt ist absolut faszinierend und voller Gegensätze. Trauer und Lebensfreude, jahrhundertealte Kultur, Ort von beeindruckender religiöser Vielfalt und Offenheit und gleichzeitig von unvorstellbarer Brutalität und Intoleranz. Der Krieg hat uns hier jeden Tag eingeholt, kaum ein Gebäude ist ohne Einschusslöcher und überall wird man an die über 10’000 von serbischen Granaten oder Heckenschützen z. B. bei Schlangenstehen für Brot und Wasser oder beim Spielen im Schnee erschossenen Kinder, Männer und Frauen erinnert.
Trotzdem, (oder gerade deswegen) strahlt die Stadt eine grosse Lebensfreude und Freundlichkeit aus. Zwei besonders schöne Episoden:
In Kroatien am Meer haben wir mit einem Bosnier gesprochen, der hier auf dem Markt Biotee aus eigener Produktion verkauft. Wir haben ihn besucht und konnten dann problemlos vor seinem Haus, ziemlich nahe des Zentrums übernachten. Am Abend erzählte er, der bosnische Muslim, der jahrelang gegen die serbischen Belagerer gekämpft hatte, uns in einer von einem serbischen Freund geführten Bar bei einem Tee seine Geschichte.
Am nächsten Tag in einem Restaurant ein wenig aussehalb mit schönster Sicht auf die Stadt plaudern wir mit einem älteren Herrn, der uns dann alsbald zum Z’vieri zu sich in seine Hochhauswohnung einlädt und uns weitere Einblicke in die heutige und einstige bosnische Realität vermittelt.
Tja, nun könnte ich noch einiges aus dem Touristenprospekt erzählen, könnte auch die historischen Gebäude aus sämtlichen Epochen neben hässlichen Wohnsilos neben Glaspalästen neureichster Prägung, die nun schon „kreativere“ Auslegung der Verkehrsregeln, die in der CH schon vergessenen verrauchten Restaurants, das alte Türkenviertel neben ultramodischen In-Cafés und wie Papageie herausgeputzte Teenager neben bekopftuchten Frauen erwähnen und würde dabei die Atmosphäre Sarajewos doch nur unzureichend wiedergeben. Die Stadt lässt sich schwer fassen und lässt uns ebenso schwer wieder los.
Morgen 25. September 08 sind wir dann bereits in Serbien, so Sidi will. Wir wollen in sieben Tagen das zweite Ramadanende in der Türkei miterleben. Das erste Mal war heute in Sarajewo, wo wir ein traditionelles Fastenbrech-Abendessen genossen haben.
Bis in die Türkei machen wir aber nun einen Effort, um dort dann mit etwas ausgefeilteren Methoden als per Zeichenblock kommunizieren zu können.
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