Serbien / Bulgarien

27 09 2008

Wir sind gut vorwärts gekommen. Nach dem teilweise erstaunlich modernen und industrialisierten Serbien fahren wir momentan durch Bulgarien. Langsam aber stetig werden die Städte ärmlicher die Schlaglöcher tiefer, und die Strassenhändler aber auch die Mercedes- und BMW-Fahrer zahlreicher. Die Menge solcher Luxuslimousinen ist unerklärlich und paradox, wenn man fälschlicherweise das allgemeine Wohlstandsniveau als Massstab nimmt. Mehr Erklärungskraft bietet leider wohl das sehr hohe Korruptionsniveau und damit einhergehend die offensichtlich ungebremste Bereicherung und Kaufkraft gewisser Kreise. Eine Einschätzung, die übrigens auch von der EU geteilt wird, hat sie doch kürzlich Bulgarien Strukturhilfen im Wert von 1.5 Milliarden Franken verweigert, weil mit dem Geld wohl eher noch mehr Mercedes gekauft - als dem Land geholfen worden wäre.

Landschaftlich sind beide Länder sehr lohnenswert. Weite Ebenen wechseln sich mit sanften Hügeln ab, am Horizont erheben sich Gebirgen im blauen Dunst. In Serbien dominieren Maisfelder und darin versteckt kleine Gärten. Bulgarien ist über lange Strecken fast unbesiedelt und erstaunlich trocken. Neben dem Wald und einigen Sonnenblumenfeldern könnte man die Landschaft als steppenartig beschreiben. In Sofja sind uns neben dem wiederum etwas chaotischeren Verkehr vor allem die monumentalen, kommunistisch angehauchten Plätze/Denkmäler und heruntergekommenen Gebäude aufgefallen. Nichts also, was uns für einen längeren Aufenthalt motiviert hätte. Und vor allem, Istanbul ruft.

Morgen fahren wir in die Türkei und sind jetzt - neben Blogschreiben - fleissig am Türkisch lernen.



Touristenmelken einmal anders…

27 09 2008

Zur “kreativen” Regelauslegung der Fahrer passt die kreative Geldbeschaffung der bosnischen Polizisten. Wie ihr vielleicht wisst, grenzt Bosnien während genau 9 Kilometern ans Meer, wodurch der kroatische Küstenstreifen zwischen Split und Dubrovnik unterbrochen wird. Durch diese 9km müssen also alle Touristen hindurch. Soweit die Faktenlage. Nun zur Aufgabe: Wie zapft man als Polizist diese wandelnden Devisenquellen just auf dieser kurzen Strecke an. Antwort:

1. Installiere irgendwo beim Dorfeingang, womöglich etwas versteckt, eine 40km/h Tafel. Die Länder, wo man die Geschwindigkeitsbegrenzung sinnvollerweise beachtet (oder wer ist schon mal auf italienischen Autobahnen während ca. 30km mit 10km/h gefahren?) längst hinter sich gelassen, gibt die rollende Brieftasche unbekümmert Gas.

2. Postiere dich auf dem einem Abhang folgendem Parkplatz und winke einen nach dem anderen hinaus. Hierbei ist ein Radargerät gar nicht nötig, es ist JEDER zu schnell. Die Einheimischen lasse ungestört fahren, die haben ja keine Euros an Bord. Verlange 100€ und gehe bei unerwartet grossem Verhandlungsgeschick der edlen Spender auf 30€ herunter. Damit sind dann alle zufrieden und glücklich.

P.S.: Wir tuckerten nach der diesbezüglichen Warnung auf dem vorherigen Campingplatz, zum Frust der Kroaten hinter uns, im Schneckentempo an diesem Abzockungsperpetuummobile vorbei:-)

Ansonsten haben die Polizisten leider nicht viel zu sagen. In Sarajewo werden mitten in der Nacht auf der 8km Geraden zwischen der Stadt und dem Flughafen regelmässig  Rennen um sehr, sehr viel Geld veranstaltet in welche die Polizisten gemäss Befehl von oben nicht eingreifen dürfen. Das wäre ja noch, die Söhnchen der Mächtigen in ihren Freizeitvergnügungen zu beeinträchtigen! Wer möchte ihnen denn nicht die ergau… ehm verdienten kleinen Freuden des Raubkapitalismuses gönnen. Soweit ist der bosnische Rechtstaat noch nicht.



Mostar / Sarajewo (BiH)

24 09 2008

Letzter Abend in Sarajewo, wo wir statt einem schon den vierten Tag hängen geblieben sind. Und das kam so:

In Mostar wurden wir zum ersten Mal mit den Schrecken des Krieges von 1992-1995 in Bosnie konfrontiert. Die Stadt mit der wirklich wundervollen Brücke wurde weitgehend zerstört, die Frontlinien sind noch heute von Ruinen und ausgebrannten Gebäuden gesäumt.

Am Abend dann erhielten wir zum ersten Mal Gelegenheit, alle unsere Kenntnisse in Gebärdensprache auszupacken. Die Familie, auf deren Parkplatz wir uns bei Einbruch der Dunkelheit einluden, war ausgesprochen freundlich, sprach aber - Kommunismus sei Dank - neben Serbokroatisch nur Russisch, womit wir leider nicht dienen konnten. Es blieb uns wie gesagt nur die Gebärdensprache, was aber einem gelungenen Abend kaum schadete. So kamen wir in den Genuss eines ellenlangen Hochzeitsvideos und drückten selbstverständlich unsere Hochachtung vor der ebensolangen hupenden Fahrzeugkolonne mit sprachübergreifenden Ohs und Ahhhs aus. Faszinierend wie man erstens ganz plötzlich auf die Basics der Kommunikation zurückgeworfen wird und wie man sich zweitens trotzdem erstaunlich viel mitteilen kann. Zum Glück haben wir schon ein wenig „Tabu“-Erfahrung.

Und nun eben, Sarajewo. Was soll man dazu sagen? Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: die Stadt ist absolut faszinierend und voller Gegensätze. Trauer und Lebensfreude, jahrhundertealte Kultur, Ort von beeindruckender religiöser Vielfalt und Offenheit und gleichzeitig von unvorstellbarer Brutalität und Intoleranz. Der Krieg hat uns hier jeden Tag eingeholt, kaum ein Gebäude ist ohne Einschusslöcher und überall wird man an die über 10’000 von serbischen Granaten oder Heckenschützen z. B. bei Schlangenstehen für Brot und Wasser oder beim Spielen im Schnee erschossenen Kinder, Männer und Frauen erinnert.

Trotzdem, (oder gerade deswegen) strahlt die Stadt eine grosse Lebensfreude und Freundlichkeit aus. Zwei besonders schöne Episoden:

In Kroatien am Meer haben wir mit einem Bosnier gesprochen, der hier auf dem Markt Biotee aus eigener Produktion verkauft. Wir haben ihn besucht und konnten dann problemlos vor seinem Haus, ziemlich nahe des Zentrums übernachten. Am Abend erzählte er, der bosnische Muslim, der jahrelang gegen die serbischen Belagerer gekämpft hatte, uns in einer von einem serbischen Freund geführten Bar bei einem Tee seine Geschichte.

Am nächsten Tag in einem Restaurant ein wenig aussehalb mit schönster Sicht auf die Stadt plaudern wir mit einem älteren Herrn, der uns dann alsbald zum Z’vieri zu sich in seine Hochhauswohnung einlädt und uns weitere Einblicke in die heutige und einstige bosnische Realität vermittelt.

Tja, nun könnte ich noch einiges aus dem Touristenprospekt erzählen, könnte auch die historischen Gebäude aus sämtlichen Epochen neben hässlichen Wohnsilos neben Glaspalästen neureichster Prägung, die nun schon „kreativere“ Auslegung der Verkehrsregeln, die in der CH schon vergessenen verrauchten Restaurants, das alte Türkenviertel neben ultramodischen In-Cafés und wie Papageie herausgeputzte Teenager neben bekopftuchten Frauen erwähnen und würde dabei die Atmosphäre Sarajewos doch nur unzureichend wiedergeben. Die Stadt lässt sich schwer fassen und lässt uns ebenso schwer wieder los.

Morgen 25. September 08 sind wir dann bereits in Serbien, so Sidi will. Wir wollen in sieben Tagen das zweite Ramadanende in der Türkei miterleben. Das erste Mal war heute in Sarajewo, wo wir ein traditionelles Fastenbrech-Abendessen genossen haben.

Bis in die Türkei machen wir aber nun einen Effort, um dort dann mit etwas ausgefeilteren Methoden als per Zeichenblock kommunizieren zu können.



Ein trauriger Tag …

19 09 2008

… denn heute wanderte das letzte Stück Heimat in Form einer Schoggikugel in meinen Mund, nun sind wir wirklich wahrlich weit weg von daheim. Diese sehr emotionalen Momente häufen sich nun, die Budget-Konservendosen gehen bald aus und schliesslich wird auch Fräne von ihrem Schoggipulver (Schokoladenpulver nicht für Milch sondern für Kuchen), Ligne Patisserie. Strichcode: 7 6165500 730205) Abschied nehmen müssen. Aufmerksame und mitleidende Leser haben sicherlich die unterschwellige Botschaft für den Fall eines Besuches verstanden …

Mit dem Sommer geht also auch der Schoggi und eigentlich auch unsere Ferien zu Ende. Nach zwei gemütlichen Wochen Kroatien fahren wir morgen nach Mostar und dann - nun etwas „zügiger“ - weiter nach Sarajewo, Serbien, Bulgarien und Istanbul. In den zwei letzten Tagen haben wir uns in Ruhe auf einem gemütlichen und billigen Campingplatz mit (ausser für Skype) einwandfreiem Internet auf die Weiterreise vorbereitet. Nun sind endlich auch unsere Fotos sowie einige andere Dinge à-jour (siehe rechte Spalte).

Es geht weiter.

Tops: Nette kroatische Besitzer, Internet, viel Zeit

Flops: Deutscher Rentnergroof, mit dem wir uns zur allgemeinen Betroffenheit nicht so recht anfreunden können



Dubrovnik zum Zweiten

19 09 2008

Vorgestern Mittwoch (17. September 08) verbrachten wir unseren zweiten Tag in Dubrovnik. Nach zwei Stunden tatkräftigen Ellenbogen- und Kameraeinsatzes auf der eindrücklichen aber menschenüberfüllten Mauer hatten wir die Stadt in luftiger Höhe umrundet und „genossen“ wieder das Bad in der Touristenmenge. Trotz Nebensaison und nur einem ankernden Kreuzfahrtschiff (zeitweise sollen es drei bis vier Schiffe à je 2000-3000 Kreuzfahrern sein) ist die Stadt am ehesten mit einem überfüllten Freilichtmuseum zu vergleichen. Nun, auch wir waren ja Teil der Menge, und damit kein falscher Eindruck entsteht:  Dubrovnik ist eine faszinierende Stadt und den Besuch allemal wert, man sollte einfach nicht menschenscheu sein.

Spannend, und tragisch, ist nicht nur die Geschichte als jahrhundertelang unabhängige Handelsrepublik, eingeklemmt zwischen den mächtigen Osmanen einerseits und den Veneziern andererseits, sondern auch die jüngste Vergangenheit. Anfang der 1990er wurde die Stadt von serbischen Truppen, ohne jeglichen militärischen Nutzen und in krasser Missachtung des humanitären Völkerrechts, aus nächster Nähe bombardiert. Seitdem wurde viel repariert aber die Einschläge in Mauern und Gemüter sind noch
wohl noch lange da.